Mirko Bonné: "Seeland Schneeland" © Schöffling & Co.

Mirko Bonné: "Seeland Schneeland"

Stand: 03.02.2021 13:15 Uhr

Mirko Bonnés Romane überzeugen durch seine Fähigkeit, historische Fakten mit sensibler Figuren- und Spracharbeit den Fragen des Lebens gegenüberzustellen.

von Lisa Kreißler

In "Wie wir verschwinden" begab er sich auf die Spuren von Albert Camus, "Lichter als der Tag" gilt als moderne Variante von Goethes "Wahlverwandschaften", und in "Der eiskalte Himmel" beschäftigte sich Mirko Bonné mit dem Polarforscher Ernest Shackleton. Genau in dieser Zeit ist auch sein neuer Roman angesiedelt, "Seeland Schneeland" spielt vor genau 100 Jahren. Es ist Februar im Jahr 1921, und in Nordengland zieht ein Schneesturm auf.

Überseereise mit Liebesgeschichte

Das wichtigste Gepäckstück, das die junge Waliserin Ennid mit an Bord des Überseedampfers Orion nimmt, ist ein Buch. Immer dann, wenn ihr die Enge in den Massenkabinen zu schaffen macht und das Gefühl der Verlorenheit sie überrollt, liest sie in Tolstois "Anna Karenina". Die vielleicht sehnsuchtsvollste Figur der Literaturgeschichte steht Patin für den mutigen Versuch, den Mirko Bonné mit "Seeland Schneeland" unternimmt: im Jahr 2021 eine epische Liebesgeschichte zu erzählen.

Merce erinnerte sich an die traurigen und zugleich trostreichen Worte, mit denen der sterbende Matrose Garyth seine Erzählung beendete, ein Satz, den er nie mehr vergaß: "Je weiter weg man von den wirklich guten Leuten und den wahrhaft schönen Dingen ist, umso mehr soll man glauben, dass es sie gibt." Leseprobe

Merce bildet in der Geschichte, die 1921 kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Wales beginnt, das dramatische Gegenüber zu Ennid. Merce hat den Krieg durch einen glücklichen Zufall auf der Endurance-Expedition Ernest Shackletons in der Antarktis verpasst

Ennids Verlobter ist im Krieg gestorben

Ennids Verlobter Mick starb als Flieger im Gefecht. Nach Merces Rückkehr aus dem Eis kommen sich die beiden für kurze Zeit näher, dann gibt Ennid ihm deutlich zu verstehen, dass er sich keine Hoffnungen machen soll.

"Ich gebe Dir Bescheid sobald ich mich vor Liebe nach Dir verzehre", hatte sie auf den letzten Zettel geschrieben, den er von ihr erhielt, und, in Klammern, daruntergesetzt: "Man weiß ja nie. Nie!" Leseprobe

Merce ist unglücklich in Ennid verliebt

Merce richtet sich ein in der Rolle des unglücklich Verliebten, was seiner Familie schweren Kummer bereitet. Als er erfährt, dass Ennid auf dem Weg nach England ist, um dort ein Schiff nach Amerika zu nehmen, reist er ihr nach. Und auf dem Bahnhof packt ihn plötzlich ein ganz neues Gefühl.

Unter einer riesigen Uhr mit zwei goldenen Zeigern stehend spürte er deutlich, was es hieß, lebendig zu sein, und wie gut das war. Leseprobe

Unter den 1.900 Passagieren des Überseedampfers Orion befindet sich neben Ennid auch der amerikanische Milliardär Robey Diver. Er säuft vorbildlich Gin und würde lieber mit einem Flugzeug den Atlantik überqueren - aber so weit ist es eben noch nicht. Während der Schnee das Schiff immer schwerer vorankommen lässt und die Männer aus der Dritten Klasse schaufeln müssen, zettelt Robey einen folgenschweren Streit mit dem Kapitän an.

Breit angelegtes Figuren- und Themenpanorama

Mirko Bonné nimmt in "Seeland Schneeland" viele Fäden in die Hand. Schiffsunglück, Gesellschaftsdiagnose, Schneedichtung und Liebesroman, alles soll hier zusammenfinden. Vor allem auf den ersten 100 Seiten gelingt ihm das weniger gut. Hauptfigur Merce nimmt zu langsam Gestalt an, geht unter in dem Trubel aus erzählerischen Volten und dem breit angelegten Figuren- und Themenpanorama. Aber es lohnt sich weiterzulesen.

Sobald Ennid das Schiff besteigt, wachsen die Ideen wie magisch zusammen. Vor allem die Nebenfiguren beginnen zu funkeln. Da meint man sogar einen Hauch Salinger zu spüren, wenn Krissie, die Geliebte des Milliardärs, ihr freches Gesicht unter seiner Bettdecke hervorschiebt. Immer ist da eben auch diese zärtlich tastende Stimme, die dem Unausweichlichen mit ebenso viel Traurigkeit wie Hoffnung entgegensieht.

Der Autor erklärt: "Solange er am Leben blieb, konnte er Ennid lieben, solange er sie liebte, konnte er sein Leben lieben, und solange er sie und sich selbst liebte, liebte er auch alles andere, beispielsweise ein echtes Porridge. Oder einen Hund, der ihn anblickte, als würde er ihm etwas erzählen wollen. Oder das Meer, das zwar grausam sein konnte und kein Mitgefühl kannte, aber das zugleich alle Wege öffnete und ein getreues Abbild der Weite war, die jeder in seinem Innern trug."

Seeland Schneeland

von Mirko Bonné
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-410-1
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.02.2021 | 12:40 Uhr

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