Hans Pleschinski: "Am Götterbaum" (Cover) © C.H. Beck Verlag

Hans Pleschinski: "Am Götterbaum"

Stand: 04.02.2021 13:04 Uhr

Hans Pleschinskis neuer Roman "Am Götterbaum" ist ein sehr heiterer Roman und auch eine Satire über die seltsamen Wege, die Kulturpolitik oft einschlägt.

von Joachim Dicks

Hans Pleschinski gehört zu den besonders vielseitigen Schriftstellern unter den deutschen Gegenwartsautoren. Zu seinem Werk gehören satirische und historische Romane, ein "Kleines Brevier für ein besseres Leben", autobiografische Erzählungen und zuletzt die zwei großen Romane "Königsallee" und "Wiesenstein". Der eine ist Thomas Mann, der andere Gerhart Hauptmann gewidmet, also zwei Literaturnobelpreisträgern. Mit Pleschinskis neuem Roman "Am Götterbaum" kommt nun ein weiterer Literaturnobelpreisträger hinzu, nämlich der eher unbekannte Paul Heyse.

"Waldesnacht, du wunderkühle,
Die ich tausend Male grüß',
Nach dem lauten Weltgewühle
O wie ist dein Rauschen süß!" Leseprobe

Der Autor dieser Verse erhielt 1910 als erster deutscher Roman-Schriftsteller den Literaturnobelpreis. Sein Name: Paul Heyse. Er lebte von 1830 bis 1914, war zu Lebzeiten ein höchst erfolgreicher und angesehener Autor. Heute kennt ihn kaum jemand.

In München soll ein Heyse-Kulturzentrum entstehen

Die Münchener Stadträtin Antonia Silberstein will das ändern, zumal Paul Heyse den größten Teil seines Lebens in der bayerischen Landeshauptstadt gelebt hat. Seine einstmals prächtige Villa in bester Lage ist vom Verfall bedroht. Antonia Silberstein möchte dort ein Heyse-Kulturzentrum einrichten. Unterstützung erhofft sie sich von der Schriftstellerin Ortrud Vandervelt und von Therese Flößer vom Münchener Literaturarchiv. Schnell muss sie aber feststellen, dass Heyse sehr kontrovers beurteilt wird.

"Eigentlich wurde einzig Paul Heyse in zig Sprachen übersetzt und im Ausland eifrig gelesen."
"Warum denn nur!", entfuhr es Ortrud Vandervelt, die aufs Pflaster stampfte.
"Weil er nicht belästigte. Weil seine Kunst nicht belastet."
"Das ist ja nun wirklich das Letzte. Eine weiße Wand belästigt mich auch nicht. Kunst muss aufwühlen. Muss Schuld benennen. Anklagen. Einen Weg ins Freie weisen."
"Ja, in eine Welt, in der man einander nicht belästigt. Mozart belästigt auch nie. Er erfreut, er vertreibt Sorgen, er lichtet das Gemüt. Soll Mozart deswegen nicht gespielt werden?" Leseprobe

Mit "Am Götterbaum" fügt Hans Pleschinski seinem Werk einen weiteren satirischen Roman hinzu. Dabei nimmt er auch sich selbst und die möglichen Erwartungen seiner Leserschaft auf die Schippe. Nach den Romanen über Thomas Mann und Gerhart Hauptmann einen über Paul Heyse, also wieder über einen deutschen Literaturnobelpreisträger, das sieht nach Strickmuster aus.

Merkwürdige Gesprächsfetzen schallen aus Seminarräumen

Als nächstes käme dann wohl Hermann Hesse. Aber diesmal ist der Nobelpreisträger eher Medium als Protagonist. Der Roman erzählt auf 275 Seiten von einem Abendspaziergang durch die Münchener Innenstadt auf dem Weg zur Heyse-Villa. Dabei geht es immer wieder um ihn, aber ebenso um Paare, Passanten und offenstehende Fenster von Seminarräumen, in denen sehr zeitgemäße Vorträge gehalten werden.

"Ich glaube, meine Damen und Herren, das Thema galoppiert noch nicht. Und ich habe noch einige To-dos für Sie, wenn Sie wirklich proaktiv denken wollen." "Schlauen wir uns auf, ich schwöre Ihnen, Ihr Gehalt wird später absolut performance driven sein." "Nun mal los, und zwar mit den Low-Hanging-Fruits, den einfachen Kunden, für die Quick-wins. Der Flow jedes einzelnen und das Get-together müssen sich immer ergänzen. Beziehen Sie die Developer ein, jemand muss den Hut aufhaben. Klar, insgesamt Teamspirit und Konkurrenz." Leseprobe

Künstlerpersönlichkeiten sind nicht ohne Neid

Ein Kapitel fällt aber doch heraus aus dem Gesamtkonzept des Romans. Es heißt "Das Gewitter", ist 24 Seiten lang, kurz vorm Ende und führt - ganz unvermittelt - ins Jahr 1906, nach Italien, wo Paul Heyse mit seiner Frau Anna den Sommer verbringt und seinen Verleger Adolf von Kröner empfängt. Hier lässt Pleschinski kurz aufblitzen, was dieser Roman auch hätte sein können. Die psychologische Durchdringung einer nicht ganz einfachen, auch von Neid durchdrungenen Künstlerpersönlichkeit. 

"Ach was, Thomas Mann, dekadent. Einer stirbt nach dem anderen. Das weiß man ohnehin, das muss man nicht so detailliert mitteilen. Diese Hingabe an den Pessimismus ist mir zuwider." "Dieser Autor hat keinen Tropfen Leidenschaft in seinen Adern. Alles hanseatisches Gespreize und ein Stil! Man fängt einen Satz an und weiß nicht, wo er aufhört."

Insgesamt ist "Am Götterbaum" ein sehr heiterer Roman, auch über die seltsamen Wege, die Kulturpolitik oft einschlägt. Ob München die Idee, ein Heyse-Kulturzentrum in der alten Villa einzurichten, aufgreift? Hans Pleschinski sollte bei der Eröffnung unbedingt Ehrengast sein.

Am Götterbaum

von Hans Pleschinski
Seitenzahl:
280 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-76631-2
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.02.2021 | 12:40 Uhr

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