Stand: 23.01.2020 10:40 Uhr  - NDR Kultur

Sehnsucht nach Sardinien

Eine fast perfekte Welt
von Milena Agus, aus dem Italienischen von Monika Köpfer
Vorgestellt von Ulrich Kühn

Die italienische Schriftstellerin Milena Agus hat nicht nur etliche Bücher geschrieben, darunter den Weltbestseller "Die Frau im Mond" - sie hat auch einen klassischen Brotberuf, sie arbeitet als Lehrerin für Italienisch und Geschichte in der sardischen Hauptstadt Cagliari.

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Der Roman erzählt von einer italienischen Familie mit alle ihren Höhen und Tiefen.

Auf Sardinien spielen ihre Romane, zur Welt gekommen ist sie aber in Genua. Vom Herkommen und Zuhause-Sein, von der Frage, wo sich das Leben gut und richtig anfühlt, handelt auch ihr neuer Roman: "Eine fast perfekte Welt".

Manchmal muss man die großen Fragen stellen: Was macht ein gelingendes Leben aus? Wie kommt man damit klar, dass irgendeine ominöse Macht einen ausgerechnet an diesem Ort abgeworfen hat? Welche Freiheit haben wir, ein und dasselbe Leben dürftig oder herrlich zu finden?

Was macht ein gelungenes Leben aus?

Ist denn diese Welt durch und durch unvollkommen oder fast perfekt? Entwaffnend charmant packt die 60 Jahre alte Milena Agus diese Kinderfragen an. Gleich anfangs lernen wir Ester kennen, die außer Atem am Bahnhof ankommt, um Raffaele abzuholen:

Raffaele war arm. Sein Vater war Hilfsarbeiter gewesen, und Raffaele war schon als kleiner Junge mit ihm arbeiten gegangen. Leseprobe

In den Krieg hat er auch ziehen müssen, weil die Mutter nach dem Tod ihres Mannes nichts zu essen bieten konnte. Doch lässt sich Raffaele nie unterkriegen, auch deshalb nicht, weil er in der Gefangenschaft einen Trompeter aus New York kennenlernte, der zum Trost aufspielte.

Ein enttäuschendes Wiedersehen

Die am Bahnhof wartende Ester hingegen erleidet eine ihrer typischen Lebensenttäuschungen:

Ihre große Liebe war dick, schwerfällig und fast glatzköpfig geworden, und mit einem Mal erschien es ihr verrückt, all die Zeit über auf ihn gewartet zu haben. Leseprobe

Verliebt hatte sich Raffaele einst in sie, weil sie anders war als die anderen:  

Mit den nach oben weisenden Mundwinkeln schien sie jederzeit zum Lächeln bereit, aber bei näherem Hinsehen erwies sich ihre Miene als ganz und gar nicht heiter, und statt zu lächeln, sagte sie: "Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort zu leben?" Leseprobe

Talent zum Unglücklich sein

Mit diesen Worten beendet sie nun jeden Brief an den Verlobten. Sie sind das Leitmotiv ihres Lebens. Ihrer Enttäuschung zum Trotz träumt sie von der Hochzeit mit Raffaele: Sie will Sardinien verlassen. Obwohl er nun eine andere liebt, fühlt er sich gebunden. Also Heirat und Aufbruch aufs Festland. Jedoch:

Ester war von Anfang an in Genua tief unglücklich. Leseprobe

Was ihr dunkel und eng vorkommt, findet er wunderschön: Sie sehen dieselbe und doch eine andere Welt. Auch als ihre Tochter geboren wird:

Felicita erblickte voller Begeisterung das Licht der Welt, und augenblicklich war klar, dass dieser Name, der nichts anders als Glück bedeutet, außerordentlich gut zu ihr passte.  Leseprobe

Eine Familie voller unterschiedlicher Charaktere

Sie ist zum Glück, ihre Mutter zum Unglück begabt: Der Plattenspieler, den Raffaele kauft, um sich an Jazzklängen zu freuen - für Ester ist er ein Ärgernis, für Felicita ein Liebesobjekt. Und so immer weiter, denn so sortiert sich das Personal des Romans: Die unverdrossene Felicita, die unsterblich in den adeligen Sisternes verliebt ist, von dem sie ein uneheliches Kind bekommt.

Die ewig verdrossene Ester, die weder durch Umzug nach Mailand noch durch das heimatliche Sardinien von der Lebensfrage erlöst wird: "Wie schafft man es bloß, an einem Ort wie diesem zu leben?" Der glücksbegabte Gregorio, Felicitas sonderbarer Sohn, den sein musikalisches Talent nach New York führen wird; die von Missmut erfüllte Marianna, ihre Vermieterin, die schwarz auf die Menschheit blickt.

Schöne Sprache, aber zu viele Schicksalsschläge

Man lässt sich das alles gern gefallen, weil es in klarer, zart zupackender, auch sinnlicher Sprache erzählt wird, weil die Handlung wendungs- und überraschungsreicher wird. Das bekommt dem Buch zunächst gut. Ein bisschen viel der Schicksalsschläge, an denen sich der Blick aufs Leben bewähren kann, sind es aber doch. Nicht nur stirbt Gregorios Freundin in New York, nicht nur wird Raffaele todkrank - auch Felicita bekommt Krebs.

Das wirkt fast ein wenig überdreht, und manche von Felicitas "ermutigenden Lebensweisheiten", die sich Agus, wie sie verrät, bei einer Cousine borgte, könnten heller leuchten, wäre der Farbauftrag im Roman, der so couragiert nach dem Wesentlichen fragt, gegen Ende etwas weniger grell geraten.

Eine fast perfekte Welt

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-1423-28211-6
Preis:
20,00 €

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