Stand: 24.09.2018 12:40 Uhr

Blick ins Innere eines Motivationstrainers

Vorübergehende
von Michael Krüger
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Direkt nach der Schulzeit hat Michael Krüger angefangen, in Verlagen und Buchhandlungen zu arbeiten und nebenher als Gasthörer an der Berliner Uni Vorlesungen besucht. 1968 ging er als Lektor zum Hanser Verlag, dessen Geschicke er später viele Jahre so beispiellos erfolgreich bestimmt hat. Neben seinem Wirken als Verleger hat er immer auch selbst Bücher geschrieben. In diesem Herbst ist sein Roman "Vorübergehende" erschienen.

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1943 ist Michael Krüger in Wittgendorf in Sachsen-Anhalt geboren, aufgewachsen ist er in Berlin-Nikolassee.

Der Ich-Erzähler im Roman "Vorübergehende" ist ein älterer Herr, der viele Jahre sehr erfolgreich als Motivationstrainer im Auftrag von kleinen und großen Unternehmen oder bei beruflichen Fortbildungseinrichtungen gearbeitet hat. Sein System ist einfach, leicht vermittelbar und bewirkte offenbar gelegentlich kleine Wunder. Die Formel, die er dafür entwickelt hat, heißt "Stärken stärken; Schwächen schwächen". Inzwischen kann er sich selbst damit kaum noch ertragen und fühlt sich als Scharlatan, an der Oberfläche dümpelnd. Aber das Konzept ernährt seinen Mann, und auch hohe Einkünfte machen bestechlich oder legen sich mildernd über allzu harsche Selbstkritik.  

"Vielleicht waren die Verrückten ... tatsächlich näher bei Gott als die Aufgeklärten, weil sie sich eine Beziehung zu ihm vorstellen konnten und zutrauten, während jene vor lauter Distanz den göttlichen Faden verloren hatten. Der einzige Mensch, bei dem Gott sich bedanken müsse, schrieb der schlaflos durch Paris streunende rumänische Philosoph Cioran, sei Bach gewesen." Leseprobe

Solche und ähnliche melancholisch grundierte Gedanken gehen dem Ich-Erzähler durch den Kopf. Auf seinen Reisen hat er immer Lichtenberg, Nietzsche, Canetti dabei. Feste Beziehungen ist er, offenbar aus Angst vor Enttäuschung, nie eingegangen. Er hat eine sanftmütig friedfertige Mischung aus Selbsthass und Misstrauen gegen andere und im Übrigen gegen den Rest der Welt entwickelt.

Eine Bahnfahrt, die das Leben verändert

Während einer Bahnreise sitzt er in einem Coupé mit anderen Reisenden. Auch eine Frau mit einem Mädchen, die offenbar von weither kommen, Flüchtlinge, sind im Abteil. Auf der Höhe von Göttingen schläft der Erzähler ein, und als er wieder aufwacht, lehnt das junge Mädchen an seiner Schulter:

"Das Mädchen schlief wie ein Murmeltier, und wie ein Murmeltier stieß es in Abständen seltsame Pfiffe aus. An Bewegung war nicht zu denken. Ich wollte mich nicht bewegen. Mir war etwas zugefallen, das ich durch falsche Bewegung nicht verlieren wollte." Leseprobe

Die Mutter ist spurlos verschwunden. Das Mädchen bleibt bei ihm, weicht nicht von seiner Seite, und er nimmt es in München mit nach Hause. Zwar wird sie ihm auch in den nächsten Monaten nie sagen, woher sie kommt, nicht einmal, welche Sprache ihre Muttersprache ist und was sie erlebt hat, aber er findet eine Möglichkeit, zusammen mit einer Nachbarin und dem Jugendamt, sich um dieses wohl etwa 13- bis 14-jährige Kind zu kümmern.

Abschied in kleinen Portionen

Von Anfang an fürchtet er den Moment, in dem sie ihn zweifellos wieder verlassen wird. Dieser Abschied beginnt in kleinen Portionen. Zuerst fährt Jara nur in ein Feriencamp für Jugendliche. Er reist währenddessen zu einem Kongress über Resilienz - auch so ein Modethema - nach Reggio Emilia. Er blickt aus dem Fenster einer kleinen Pension auf die Piazza, bewundert die Schönheit des Ortes und der Menschen und hat Sehnsucht nach einem Zuhause, das er nie hatte.

"In Italien, in Spanien, auf den griechischen Inseln oder in Anatolien hatte ich mich stets nur als Tourist aufgehalten, als Durchreisender, der sich in die Museen oder in die Landschaft verliebte und trotzdem am nächsten Tag weiterzog. Ich war ein Vorübergehender. Kollegen, die noch schlechtere Bücher zum Thema Betriebswirtschaft geschrieben hatten als ich, besaßen ein Haus in Marrakesch oder ihr Winterquartier in Namibia, während ich nicht einmal in der Lage war, mich sechs Monate lang in Palermo niederzulassen oder in Syrakus." Leseprobe

Ein humorvoller, lebenskluger Text

Als Leserin - oder Leser - hat man längst begonnen, diesen Erzähler beziehungsweise seine Figur gegen sich selbst zu verteidigen. Einen Platz im Himmel hat er sich auf jeden Fall verdient für die Zeit, in der das Mädchen Jara bei ihm in Ruhe, Frieden und Wohlstand leben darf. Einen Ehrenplatz bekommt der Autor für diesen humorvollen, selbstironischen, lebensklugen Text. Das Buch eröffnet auf seine Weise ein behutsames Gespräch mit dem Ich-Erzähler. Wer dieses Buch liest, ist nicht allein.   

Vorübergehende

von
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Haymon Verlag
Bestellnummer:
978-3-7099-3438-8
Preis:
19,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.09.2018 | 12:40 Uhr