Stand: 14.11.2018 10:00 Uhr

Suche nach Identität und Heimat

Hotel Dellbrück
von Michael Göring
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt
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Autor Michael Göring ist Vorstandsvorsitzender der Zeit-Stiftung.

Ziemlich genau 80 Jahre ist es her, da erreichte die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in Deutschland ihren vorläufigen Höhepunkt. Im Rahmen der Novemberpogrome zündeten die Nationalsozialisten Synagogen an, zerstörten Geschäfte und Friedhöfe, ermordeten und inhaftierten Tausende Menschen. Die Zeit zwischen dem 7. und 13. November gilt heute als Beginn der systematischen Judenverfolgung in Deutschland.

In genau dieser Zeit spielt der Roman von Michael Göring, "Hotel Dellbrück" - so lautet der Titel seines neuesten Buchs.

Jüdischer Junge wächst bei katholischer Familie auf

Das fiktive "Hotel Dellbrück" - direkt am Bahnhof in Lippstadt - ist Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse in diesem Roman. Hier wächst Sigmund als unehelicher Sohn eines jüdischen Dienstmädchens in der Obhut einer katholischen Familie auf.

Auch wenn er seit seiner Geburt bei den Dellbrücks lebte und sie ihn alle mochten, wusste er: Er war ein anderer als sie. Er war - er sprach es jetzt halblaut aus - ein Waisenkind und ein Jude. Leseprobe

Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ganz Deutschland Synagogen brennen und die Hetze gegen jüdische Mitmenschen ganz neue Dimensionen annimmt, fällt Sigmunds warmherzige Ziehfamilie eine Entscheidung: Der mittlerweile 15-jährige Junge soll zu seinem eigenen Schutz nach England verschickt werden.

Zum Schutz kommt das Kind nach England

10.000 jüdische Kinder wurden damals von der englischen Zivilgesellschaft aufgenommen. Auf dieses spannende Kapitel der Geschichte stieß Michael Göring im Rahmen seiner Stiftungsarbeit, las Zeitzeugenberichte und Artikel. Dann kam das Jahr 2015:

"Plötzlich hatten wir hier in Hamburg und überhaupt in Deutschland eine ganze Reihe von minderjährigen Jugendlichen aus Syrien, aus Afghanistan, die etwas ganz Ähnliches erlebt hatten, die sich minderjährig auf den Weg gemacht hatten und jetzt hier in Deutschland waren. Dann habe ich mir vorgestellt, wie muss es auf einen 15-jährigen Juden gewirkt haben, in einem ganz anderen Land zu leben, überall neu anfangen zu müssen, aus dem Nest geworfen zu sein. Ja, und so entstand Sigmund", erklärt Göring die Idee zu seinem Roman.

Sigmund hat Glück in England. Er hat eine fürsorgliche Gastfamilie, kann die Schule besuchen und studieren. Und doch zieht es ihn 1945 zurück nach Deutschland zu Rile, seiner Ziehschwester und heimlichen Liebe. Sigmund bewirbt sich als Lehrer in seiner alten Heimatstadt und trifft dort auch auf diejenigen, die ihn früher als "Judenlümmel" drangsaliert haben. Keiner will über das sprechen, was passiert ist. Der Heimkehrer aber bohrt nach.

Fragen nach Identität und Lebenssinn

Er geht in die Städte und befragt diejenigen, die damals gelebt haben: Was habt ihr denn eigentlich damals getan, als der jüdische Lebensmittelladen aufhören musste, der Arzt nicht mehr praktizieren durfte, der Lehrer von der Schule vertrieben wurde, nur weil er Jude war? Er versucht, sich Klärung zu verschaffen, über das, was passiert ist. Und er kommt dadurch auch zu einer gewissen inneren Ruhe. Leseprobe

Mit viel Empathie für seinen Protagonisten lässt Michael Göring seine Leserinnen und Leser an Sigmunds Suche nach Identität und religiöser Heimat teilhaben.

"Da sind eigene Lebenserfahrungen dabei. Eine ganz wichtige ist sicher auch die, dass ich mich immer als einen religiös sehr suchenden Menschen verstanden habe. Diese Zweifel, den Versuch, eine Identität zu finden, sich zu verorten, die Bedeutung einer Beziehung. Das ist schon sehr an meinen eigenen Erfahrungen dran", sagt der Autor.

Geschichte aus männlicher Perspektive

Im Roman setzt sich diese Sinnsuche in Sigmunds Sohn Frido Mitte der 70er-Jahre fort. Nach spirituellen Reisen nach Indien und vielen Frauenbekanntschaften kommt er irgendwann an den Kern der Sache heran:

Mein Vater hat Probleme mit seiner Identität, und ich denke, dass diese Probleme auf mich abgefärbt haben. Er hatte diesen Gedanken noch nie zuvor so klar ausgesprochen. Er hatte ihn noch nie zuvor so klar gedacht. Leseprobe

Wie schlägt sich das Schicksal der Eltern im Leben ihrer Kinder nieder? Diese Frage beschäftigt Michael Göring schon lange. Ihm ist mit "Hotel Dellbrück" eine spannende, lebendige Familiengeschichte aus - das sei ein wenig kritisch angemerkt - überwiegend männlicher Perspektive gelungen. Er schlägt dabei auch - ganz ohne erhobenen Zeigefinger - den Bogen in die Gegenwart zu Flüchtlingsschicksalen unserer heutigen Zeit.

Hotel Dellbrück

von
Seitenzahl:
421 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Osburg
Bestellnummer:
978-3-95510-165-7
Preis:
22,00 €

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