Stand: 12.11.2019 11:50 Uhr

Zwischen Mutterschaft und Karriere

Die Zehnjahrespause
von Meg Wolitzer, aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Vorgestellt von Katja Lückert

Meg Wolitzer wurde hierzulande mit dem Cliquenroman "Die Interessanten" bekannt. Nach diesem Bestseller-Erfolg lieferte der DuMont-Verlag ein paar frühere Bücher nach: "Die Stellung" und "Die Ehefrau", Letzteres mit Glenn Close in der Hauptrolle verfilmt. Wolitzer, Jahrgang 1959, lebt in New York, viele ihre Bücher standen auf der "New York Times"-Bestsellerliste. In ihrem schon 2008 im Original erschienenen Roman "Die Zehnjahrespause" hat sie sich Müttern gewidmet, die gezwungen sind, ihr Arbeitsleben zu unterbrechen - um sich Jahre später zu fragen, wie die Zukunft aussehen könnte.

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Immer wieder erzählt Wolitzer vom teils schönen, teils schmerzhaften Zusammenleben von Männern und Frauen. "Die Zehnjahrespause" ist ihr neues Buch.

Amy Lamb, Protagonistin in Meg Wolitzers neuesm Roman "Die Zehnjahrespause", war eine ziemlich erfolgreiche Anwältin, bevor gewissermaßen der größte anzunehmende Unfall namens "Kinderkriegen" ihr Leben völlig auf den Kopf stellte und sie zum Muttertier mutierte. Dabei war ihr Sohn Mason sogar ein Wunschkind:

"Der Müll nahm überhand, das Kind verwechselte die Nacht mit dem Tag, und jeder Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte hätte dem Chaos entfliehen und in die Wohlgeordnetheit und angenehme Luft eines Büros zurückkehren wollen, zum Teppichboden aus Nadelfilz und zu den flimmernden Leuchtstoffröhren, die einen morgens wachrüttelten wie ein unter die Nase gehaltener Kolben mit Ammoniak. Doch junge Mütter waren nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Amy hatte das Gefühl, dieses Baby vor irgendetwas retten zu müssen wie ein Superheld, der mit ausgebreiteten Armen am Großstadthimmel dahinflog." Leseprobe

Vier Frauen, die ihre Karrieren aufgegeben haben, um Mütter zu sein

Amy ist Teil eines Frauenkleeblatts, das sich immer wieder in einer New Yorker Kneipe namens Golden Horn trifft. Die Ärztin Jill, Karen und Roberta, eine Künstlerin, gehören auch dazu. Die vier Mütter haben ihre Karrieren aufgegeben, um für ihre Kinder zu sorgen, und fragen sich nun, nach zehn Jahren Pause, wie sie eines Tages diese Leerstelle wieder füllen sollen. Roberta bringt es auf den Punkt:

"Sie würden noch oft miteinander lachen und basteln und sich anschreien, bis die Kinder eines Tages erwachsen und auf dem Haus sein würden. Dann wäre es vorbei. Und was machst du dann? Das fragte sie sich oft. Wie willst du es schaffen, dein restliches Leben zu ertragen?" Leseprobe

Wolitzer schreibt für Frauen, jedoch keine spezielle Frauenliteratur

Meg Wolitzer schreibt für Frauen über Frauen, doch wollen ihre Romane nie explizit Frauenliteratur sein. Der Roman trägt im Original den Titel "The Ten-Year Nap", also "Das Zehnjahresschläfchen", und zielt ironisch auf den manchmal auch selbst gewählten Karrierebruch.

Mit Penny lernt Amy eine Frau kennen, die ihre Arbeit in einem Kunstmuseum nicht aufgegeben hat und sich obendrein noch eine Affäre leistet. Die Freundschaft zwischen einer arbeitenden und einer Vollzeit-Mutter bildet in diesem Meer von Nebenfiguren und -handlungen, verschiedenen Rückblicken in die Müttergeneration, von denen viele Stoff für eine eigene Geschichte hergegeben hätten, einen Mittelpunkt. Genial, wie Wolitzer den ewigen Konkurrenzkampf um das bessere Muttersein in ironische kleine Anekdoten verpackt:

"Natürlich blieben leicht befremdliche Situationen zwischen den Frauen mit und ohne Job nicht aus. Vor einem Jahr hatte Amy als Elternbeirätin eine E-Mail an die anderen Mütter geschickt und darum gebeten, zu einem 'Römischen Festessen' thematisch passende Gerichte beizusteuern. Mehrere Frauen, darunter berufstätige wie auch nicht berufstätige, hatten mitgeteilt, sie würden 'gemelli alla puttanesca', 'Artischocken auf jüdische Art' oder 'Hähnchen Fra Diavolo' zubereiten. Eine allerdings, die Finanzplanerin Jane Stark, hatte umgehend zurückgeschrieben: Super, dann bringen wir Apfelsaft mit!" Leseprobe

Eine Meisterin der Detailbeschreibungen

Meg Wolitzer ist eine Meisterin der scheinbar abschweifenden Detailbeschreibung. "Die Zehnjahrespause" lässt auch die Väter, die meist ziemlich strampeln müssen, um das kostspielige New Yorker Leben der kleinen Familien zu finanzieren, nicht außer Acht. Bis spät abends sitzt Amys Mann Leo mit Aktenstapeln, Kekse futternd, im Bett. Erfreulicherweise gibt es hier kein Gut und kein Böse, keinen stereotypen Geschlechter-Antagonismus. Alle Figuren ringen damit, sich nach der Kinderpause neu erfinden zu müssen - als Mann, als Frau, als Paar. Meg Wolitzer begleitet sie dabei mit amüsiertem Augenzwinkern.  

Die Zehnjahrespause

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8107-9
Preis:
24,00 €

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