Stand: 20.09.2016 12:00 Uhr  - NDR Kultur

Die Ghostwriterin

Die Ehefrau
von Meg Wolitzer, aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Vorgestellt von Katja Lückert
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Wolitzers Roman "Die Ehefrau" ist in den USA bereits im Jahr 2003 erschienen.

Die New Yorker Schriftstellerin Meg Wolitzer erzählt vom teilweise fruchtbaren, teilweise schmerzhaften Zusammenleben von Männern und Frauen. Davon, dass Frauen oft ihr Licht unter den Scheffel stellen und ihre Bücher häufig als 'Frauenliteratur' abgetan werden. In ihrem jetzt erscheinenden neuen Roman "Die Ehefrau" treibt sie das Thema auf die Spitze.

Die Frau hinter dem berühmten Schriftsteller

Hinter einem starken Mann steht immer eine starke Frau. Diese Binsenweisheit führt Meg Wolitzer in diesem Roman auf amüsante Weise ad absurdum. Der Mann ist ein angesehener Schriftsteller, der gerade - zwar nicht mit dem Nobelpreis - aber doch mit dem fiktiven Helsinki-Preis ausgezeichnet werden soll.

"Er war Joseph Castleman, einer jener Männer, denen die Welt gehört. Sie kennen diese Sorte Mann: diese wandelnden Werbebanner für sich selbst, diese schlafwandelnden Riesen, die durch die Welt ziehen und dabei andere Männer, Frauen, Möbelstücke, Dörfer aus dem Weg räumen. Warum sollte sie irgendwas kümmern? Es gehört alles ihnen, die Meere und die Gebirge, die bebenden Vulkane, die sich anmutig dahinschlängelnden Flüsse. Diese Sorte Mann kommt in unterschiedlichen Darreichungsformen daher: Joe war die Schriftstellerversion." Leseprobe

Das geopferte Schreibtalent

Joan Castleman begleitet ihren Mann zur Preisverleihung nach Finnland. Doch schon im Flugzeug wird ihr klar, dass sie mit diesem egoistischen, selbstgefälligen Menschen, der sie ihr ganzes Leben lang ausgebeutet hat, nicht mehr leben will. Hier über den Wolken und im Halbschlaf erinnert sie sich an ihre ersten Jahre, wie sie als junge Literaturstudentin durch besondere Begabung seine Aufmerksamkeit gewann. Wie er, als ihr Professor, schließlich Frau und Kind verließ, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Es folgten die Heirat sowie eigene Kinder.

Doch Joe Castleman profitiert seit Jahren auf mehrfache Weise von seiner Frau, er hält sie sich - und das bekommt der Leser erst im letzten Drittel des Buchs heraus - als eine Art Schreibsklavin. Sie verschwindet tageweise in seinem Zimmer, tippt dort nicht nur seine Manuskripte ab, während sich ein Kindermädchen um die Kinder kümmert, sie tut viel mehr: Sie schreibt die Bücher. Sie ist Joe Castlemans Ghostwriter. Ihr würden in Wahrheit alle Ehre, aller Ruhm und alle Auszeichnungen gebühren, denn sie ist die geniale Schriftstellerin - die wahre Trägerin des Helsinki-Preises.

Viele Romane von Frauen bleiben ungewürdigt

Wenn man allerdings weiß, wie Meg Wolitzer über die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung der Texte männlicher und weiblicher Autoren denkt, ist dieser Plot vollkommen folgerichtig: "Mein Gefühl ist - und ich habe viel darüber nachgedacht, seit ich auf der Universität begonnen habe zu schreiben -, dass es Romane von Schriftstellerinnen gibt, die genauso als 'literarisch' einzuschätzen sind wie die von Männern, die aber ziemlich unbedeutend geblieben sind. Das liegt an verschiedenen Dingen: einmal an der Aufmachung dieser Bücher, aber auch an den Themen. Dabei muss man sagen, wenn Sie etwa einen Roman von Jonathan Franzen nehmen, da ist es klar, wenn Männer über eine Ehe schreiben, dann schreiben sie natürlich zugleich auch über Amerika, aber wenn Frauen über die Ehe schreiben, dann ist das meist so ein kleiner Familienroman", resümiert die Autorin.

Joan ist über vierzig Ehejahre hinweg für ihren Mann eine ganz spezielle Muse gewesen. Sie opferte für ihn ihre eigene mögliche Karriere und vielleicht wurde er mit ihren Romanen schließlich sogar berühmter, als sie es je hätte werden können. Trotzdem will sie ihm jetzt ihr lebenslanges Agreement aufkündigen. Was dann passiert, sei hier noch nicht verraten, nur so viel: es gibt einem ganz schön zu denken. Meg Wolitzer hat hier sicher ein wenig feministische Literaturtheorie in Romanform gegossen, aber es ist dennoch eine mitreißende amüsant-melancholische Erzählung, die die entscheidenden Eigenheiten von Männern und Frauen gleichermaßen vorführt.

Die Ehefrau

von
Seitenzahl:
270 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont Buchverlag
Bestellnummer:
978-3-8321-9816-9
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.09.2016 | 12:40 Uhr

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