Stand: 10.07.2020 09:57 Uhr  - NDR Kultur

Die Entwicklung zweier unterschiedlicher Brüder

Die Brüder Fournier
von Matthias Wittekindt
Vorgestellt von Jürgen Deppe

Die Krimis von Matthias Wittekindt schaffen es regelmäßig - wie auch sein aktueller, "Die Brüder Fournier" - unter die Top 10 der Krimi-Bestenliste und am Ende des Jahres bei der Wahl zum "Krimi des Jahres" auf einen Medaillenrang. Aber vielleicht sind die Romane, die seit Jahren in der Hamburger Edition Nautilus erscheinen, insgesamt einfach zu subtil, um dabei großes Aufsehen zu erregen. Wenn dann, wie in diesem Jahr, auch noch die Frühjahrsbuchmesse samt anschließender Lesetour ausfällt, steht der Autor mit leeren Händen und das Buch ohne Aufmerksamkeit da. Wenigstens die wollen wir ihm heute schenken - im Sinne eines Zweiten Frühlings, wie ihn auch etliche Literaturhäuser den Büchern des Frühjahrs bescheren.

Bild vergrößern
Matthias Wittekindts Roman "Die Brüder Fournier", erschienen bei Edition Nautilus.

Matthias Wittekindt scheint eine Vorliebe für Fotos zu haben. Zumindest beschreibt er sie besonders gern. Und auch besonders gut. Rechts dies, links das. Vorne erst das eine, in der Mitte etwas anderes, der Hintergrund verschwimmt in der Unschärfe.

 

Das schönste Kinderbild, auf dem sie gemeinsam zu sehen sind, zeigt die Brüder Fournier in der Küche. Die Aufnahme entstand im Sommer 1966, also einige Jahre vor Paulines und Aarons Tod. Iason und Vincent waren damals elf und zwölf Jahre alt. Leseprobe

Das Familienleben der Fourniers

Die Brüder Fournier, Iason, der ältere, rauflustig und schwierig, Vincent, der jüngere, zart und introvertiert. Söhne der Fourniers, die im Brüsseler Vorort Envie eine Confiserie mit über 30 Mitarbeitern betreiben. Vom Vater werden wir wenig erfahren. Er kümmert sich um das Geschäft und sorgt dafür, dass die Fourniers "wohlhabend" zu nennen sind. Entscheidend für die Brüder ist die Mutter Emely, die auch dann noch unverbrüchlich zu ihrem Ältesten steht, als der maßlos über die Stränge schlägt:

Emely hatte geweint, als man Iason ins Gefängnis brachte. Sie hatte versucht ihren Sohn festzuhalten, sie wollte es nicht zulassen. Den ersten Gendarmen hatte sie mit einem Fußtritt ... Den zweiten auch. Sie knickten zusammen, wie zwei Türme, die fachmännisch gesprengt wurden. Wie sollte es anders sein? Sie war Iasons Mutter, er war ihr Liebster und sie wusste, wie ein Tritt gegen einen Mann zu führen war. Leseprobe

Bildliche Darstellung eines Erzählers

Mit dieser Beschreibung beginnt das Bilderbuch der Fourniers, das die Erzählinstanz vor uns aufblättert. Denn es ist ein gespenstisch allwissender Erzähler, der sehr genau zu wissen scheint, was als nächstes kommt und wohin das alles noch führen wird. Er psychologisiert dabei nicht, analysiert nicht, interpretiert nicht. Er beschreibt - wie man eben Fotos in einem Album beschreibt. Und er scheint immer schon zu wissen, welches auf der nächsten Seite kommt: Das mit Iason bei der Schulhofprügelei. Das mit der Frau vom Jugendamt, die Iasons Mutter einen Besuch abstattet. Das mit dem Heim für schwer erziehbare Kinder, in das Iason für einige Zeit eingeliefert wird.

Spätestens ab der vierten Woche gefiel es Iason im Heim für schwer erziehbare Jugendliche richtig gut. Was auch daran lag, dass seine Mutter ihn oft besuchte und sie hier mehr Zeit hatten zu reden als zu Hause, wo es immer um Vincent, den Betrieb oder den Bau des Restaurants gegangen war. Leseprobe

Wer ist für die Toten verantwortlich?

Iason wird auch wieder herauskommen aus dem Heim, wird im Betrieb der Eltern arbeiten, wird eine erste Freundin haben, eine zweite, dann zwei gleichzeitig. Aber über all dem - das deutet der Erzähler immer wieder an - kreist das Unheil, jederzeit bereit zuzustoßen. Spannend ist dabei nicht wirklich, was passiert, sondern was passieren könnte. Und bei dem, was dann überraschenderweise doch passiert, weniger das Warum als das Wie. Wie konnte Pauline, eigentlich noch ein Mädchen, mitten im Winter erst spurlos verschwinden, um dann Tage später erfroren aufgefunden zu werden? Wie kommt es, dass sich auch der kleine Aaron mit rot geschminkten Lippen bei Minustemperaturen eines Nachts, vollgedröhnt mit Alkohol und harten Drogen, draußen einrollt und erfriert? Welche Rolle spielt Iason dabei? Und welche Vincent? Schließlich heißt das Buch "Die Brüder Fournier". Und ist der Kleine, dem die Mutter viel weniger Aufmerksamkeit schenkt als dem Großen, wirklich so unschuldig, wie alle denken? Die zwei Brüder ähneln dabei Tschechows drei Schwestern, die sich aus der Ödnis an einen unbestimmten Sehnsuchtsort träumen. Die Ödnis heißt hier "Envie" - ein gesichtsloser Vorort von Brüssel. 

Envie war klein und doch war dem Ort deutlich anzusehen, dass er eigentlich hatte Stadt werden sollen. Was also war dieser Ort, der oft unter einer dicken Schicht Nebel verschwand? Eine Stadt? Ein Dorf? Eine Kleinstadt? Am ehesten war Envie so etwas wie ein Rand. Ein Vorposten der Hauptstadt Belgiens. […] Alles hier war seit langem bereit, der Stadt zugeschlagen zu werden, doch war es dazu nie gekommen. Leseprobe

Ein flüssiger Schreibstil durch die Zeit

Wittekindt beschreibt die Zeit von Mitte der 1960er-Jahre bis in die Gegenwart als eine des langsamen, aber stetigen Wandels. Atemberaubend, wie Wittekindt ein Bild davon an das andere reiht - am Ende 24 pro Sekunde, sodass sich aus den Einzelbildern ein Film ergibt. Der Film eines vermeintlich gelingenden Lebens im Falschen.

Die Brüder Fournier

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Edition Nautilus
Bestellnummer:
978-3-96054-226-1
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.07.2020 | 12:40 Uhr

04:39
NDR Kultur

Wolfgang Groeger-Meier: "Lockruf des Südens"

12.07.2020 17:40 Uhr
NDR Kultur

Wolfgang Groeger-Meier ist für den Bildband "Lockruf des Südens" knapp 800 Kilometer auf der B3 durch Deutschland gefahren. Audio (04:39 min)

05:00
NDR Kultur

Matthias Wittekindt: "Die Brüder Fournier"

10.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Matthias Wittekindt zeigt, was mit Jugendlichen geschehen kann, wenn sie dem Einfluss von Außen ausgesetzt sind. Audio (05:00 min)

04:47
NDR Kultur

Vanessa Springora: "Die Einwilligung"

09.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Vanessa Springoras persönliche Geschichte hat für Aufsehen gesorgt. Sie berichtet über den sexuellen Missbrauch durch den pädophilen Schriftsteller Matzneff. Audio (04:47 min)

04:29
NDR Kultur

Philippe Djian: "Morgengrauen"

08.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Ein Roman von Philippe Djian - vorgestellt auf NDR Kultur. Audio (04:29 min)

04:37
NDR Kultur

Máirtín Ó Cadhain: "Die Asche des Tages"

07.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Der Protagonist in Máirtín Ó Cadhains Roman soll sich um die Beerdigung seiner Frau kümmern, doch er leidet an chronischer Aufschieberitis. Wird er es am Ende schaffen? Audio (04:37 min)

04:53
NDR Kultur

Johann Wolfgang von Goethe: "Die Leiden des jungen Werther"

07.07.2020 09:20 Uhr
NDR Kultur

Goethes berühmtestes Buch: Ein junger Mann verliebt sich leidenschaftlich in eine erst verlobte, dann verheiratete Frau. Im Unglück seiner Liebe erschießt er sich. Audio (04:53 min)

04:51
NDR Kultur

John O'Connell: "Bowies Bücher"

06.07.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Der verstorbene Rockstar David Bowie hat Literatur geliebt und eine Liste mit hundert Büchern zusammengestellt. Der Journalist John O'Connell hat daraus ein Buch gemacht. Audio (04:51 min)