Stand: 13.03.2020 17:34 Uhr

Matthias Politycki erkundet Tansania

von Heide Soltau

Reisen sind sein Lebenselixier. Davon zehrt der Schriftsteller Matthias Politycki. Reisen inspirierten ihn zu Erzählungen und Gedichten, aber vor allem zu großen Romanen. 2005 erschien "Der Herr der Hörner", der auf Kuba spielt. Acht Jahre später veröffentlichte er "Samarkand", Samarkand, in dem es um den zentralasiatischen Staat Usbekistan geht. Auch als Schiffsschreiber war er schon unterwegs, auf Weltreise mit der MS Europa.

Matthias Politycki: "Das kann uns keiner nehmen" © Hoffmann und Campe
Der reiselustige Autor Autor erzählt von seinem Aufenthalt in Afrika.

Polityckis neuer Roman führt nach Afrika, nach Tansania: "Das kann uns keiner nehmen".

Auch Reiseerfahrene geraten gelegentlich an ihre Grenzen. Davon erzählen die Romane Matthias Polityckis. Er sucht die Herausforderung, sei es auf Kuba, in den Bergen Zentralasiens oder eben in Afrika. Doch dort sei Vorsicht geboten.

"In Afrika ist manches extremer. Es wird häufiger gelacht, aber es ist auch schneller mal gefährlich oder auch sogar schrecklich. Es ist bunter, wilder und fordert einen auch mehr. Und wenn man Glück hat, dann kehrt man als ein anderer heim", weiß der Autor.

Große Freundschaft mit einem verwegenen Mann aus Bayern

Hans, der Ich-Erzähler des Romans "Das kann uns keiner nehmen", hat dieses Glück. Aber das hat er vor allem "dem Tscharli" zu verdanken, einen "spiddeligen" Ur-Bayern mit halblangen zerzausten Haaren in Silbergrau.

Matthias Politycki erzählt in seinem neuen Buch nicht nur von einer Reise durch Tansania, sondern auch und vor allem von einer Männerfreundschaft. Erst Tscharli, ein rassistischer, derber Maulheld und kein Intellektueller wie der Ich-Erzähler, öffnet diesem Augen, Ohren und Herz für Afrika.  

"Der wird locker gemacht durch Tscharli. Das ist eher so eine Selbsterkundung in Schichten, die lange verborgen waren", erklärt Politycki.

Der Kilimandscharo soll erkundet werden

Die Selbsterkundung mit Hilfe dieses zwielichtigen Typen beginnt am höchsten Berg Afrikas. Hans, Anfang 60, ein zurückhaltender Schriftsteller aus Hamburg, will den Kilimandscharo endlich bezwingen, an dem er 25 Jahre zuvor gescheitert ist.

Damals war er mit seiner Freundin Mara unterwegs gewesen, er hatte sie zu der Reise überredet und teuer dafür bezahlt. Ohne Mara wäre er fast an einer lebensgefährlichen Krankheit gestorben, aber sie hatte ihn hinterher verlassen.

Darunter leidet er immer noch und will sich diesem Trauma nun stellen, oben im Krater des Kilimandscharo, wo gewöhnlich kaum Touristen sind. Dort trifft er zu seinem Entsetzen eben jenen Tscharli, der ihn, als sie sich zum ersten Mal gegenüberstehen, verächtlich ein "Hornbrillenwürschtl" nennt.

Die Männer verstehen sich großartig

Doch die beiden Männer raufen sich zusammen, auf 5.600 m bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Und aus der Zufallsbekanntschaft entwickelt sich "eine wunderbare Freundschaft", wie es heißt. Sie bewältigen nicht nur den Berg gemeinsam, der Ich-Erzähler begleitet Tscharli anschließend auch noch nach Sansibar.

"Ich glaube, Hans und Tscharli entdecken gemeinsam ein bisschen die Kindlichkeit, die in jedem Mann auch schläft und manchmal raus will. Die sind auf eine naive Weise übermütig, glücklich", sagt der Autor. "Es geht da eher um verbotenes Terrain erkunden oder mal einen über den Durst zischen. Klar, es muss auch getanzt werden und - zumindest der Tscharli hat auch Interesse an der einen oder anderen Frau. Hans gar nicht."

Matthias Politycki erzählt von zwei Männern, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der affektkontrollierte Hans und auf der anderen der Macher, Macho und Sprücheklopfer Tscharli. Aber, wie könnte es anders sein, der Ich-Erzähler entdeckt, dass sich unter dessen harter Schale eine traurige Geschichte von Liebe und Schmerz und natürlich ein weites Herz verbirgt.

Romanfigur Hans entdeckt die Vorzüge des Bayern

Nicht nur das. Hans entdeckt auch, dass der schenkelklopfende Bayer bei den Afrikanern beliebt ist, sie scheinen ihn zu schätzen und sogar zu respektieren. Tscharli kommt bei den Einheimischen besser an als er, der reflektierte Intellektuelle. 

"Möglicherweise haben wir in unserer Blase und in unserer Weltanschauung immer Recht. Aber in anderen Weltgegenden wird anders geurteilt, gibt es andere Werte und andere Schlüsselerlebnisse."

Aber was heißt das? Sollen sich Europäer auf Reisen etwa daran anpassen? Sollen sie in Afrika das klassische Männergehabe zur Schau stellen, wofür sie in Deutschland zu Recht kritisiert werden? Der Ich-Erzähler merkt jedenfalls, wie ihn die Tour mit Tscharli verändert und er emotionaler und weniger kopfgesteuert reagiert.

Vieles ist ganz anders in Afrika als in unserer Kultur

"Übrigens geht es mir genauso. In Afrika rede ich schon ganz anders. Da gehe ich anders aus mir heraus. Da muss ich auch anders mit den Leuten umgehen, damit ich Gehör finde. Damit die mich auch mögen. Die würden, wenn ich immer so argumentiere wie gerade im Moment, auch verschlossener bleiben. Dann bleibe ich ewig der Fremde und der Tourist. Das möchte ich nicht.

In Afrika dürfen Männer wieder richtige Kerle sein und werden dafür auch noch mit Zuneigung und Nähe belohnt. Davon erzählt der Roman "Das kann uns keiner nehmen". Von Hans und Tscharli, die beide eine verlorene Liebe betrauern und als Höhepunkt ihrer gemeinsamen Reise auf hochgetunten Rollern die paradiesische Insel Sansibar erkunden.

Zwei ältere weiße Männer, die ein bisschen Easy Rider spielen. Irgendwie rührend und lächerlich. Weniger Männlichkeitskult hätte dem Roman gut getan.

Das kann uns keiner nehmen

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00924-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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