Stand: 17.11.2017 11:30 Uhr

Wo die Gewalt lauert

Alles über Heather
von Matthew Weiner, aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Matthew Weiner, 1965 in Baltimore geboren, lebt mit seiner Frau und vier Söhnen in Los Angeles.

Mit dramatischen Geschichten kennt sich der Amerikaner Matthew Weiner aus: Er ist Erfinder und Autor der derzeit sehr erfolgreichen Serie "Mad Men", die von Werbern im New York der 60er-Jahre erzählt. Außerdem hat er die Mafia-Serie "Die Sopranos" mitgeschrieben und -produziert. Jetzt ist sein Roman-Debüt veröffentlicht: "Alles über Heather".

Ein behütetes Wohlstandsmädchen

Karen und Mark führen ein schnödes, unspektakuläres Leben. Geheiratet haben sie eher aus Vernunft, schließlich war für beide Enddreißiger der Zug schon fast abgefahren. Finanziell abgesichert leben sie in Manhattan. Das Einzige, was ihrem Leben Glanz verleiht, ist die zuckersüße und kluge Tochter Heather:

"Sie war so schön, dass ihre neuen Freunde, kaum war Heather in einem Park oder einem Geschäft wie immer ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, zu Karen oder zu Mark oder zu ihnen beiden hinübersahen und nicht verhehlen konnten, wie sehr es sie überraschte, dass dieses Kind zu solchen Leuten gehörte." Leseprobe

Sohn einer süchtigen Prostituierten

Parallel dazu erzählt Matthew Weiner die ganz andere Lebensgeschichte von Bobby, der bei seiner Mutter, einer drogensüchtigen Prostituierten, in einer Bruchbude in New Jersey aufwächst. Gewalt ist seine Sprache, weshalb er schon als Teenager im Gefängnis landet:

"Er, Bobby, war so verdammt clever, dass andere Menschen ihn langweilten. Er wandelte unter ihnen wie ein helles Licht voll der Macht des Himmels, und er konnte sie vergewaltigen und töten, wann immer ihm der Sinn danach stand, denn allein dazu gab es sie auf Erden." Leseprobe

Zwei Welten treffen aufeinander

Etwas spät - nämlich ab der Hälfte des Buches - nimmt die Geschichte Fahrt auf, als sich beide Welten kreuzen. Frisch aus dem Knast entlassen beginnt Bobby auf einer Baustelle zu arbeiten - ausgerechnet am Haus, in dem die inzwischen 14-jährige Heather lebt. Der kaputte Gewalttäter trifft auf die Lichtgestalt aus der Oberklasse.

Was bis hierhin eine diffuse Ahnung war, verfestigt sich: ein Drama wird geschehen. Recht geschickt führt der Autor den Leser immer wieder in die Irre, indem er zwischen den Gedanken der vier Figuren wechselt, die hier umeinander tigern: die naiv-kokette Heather, die vermeintlich tickende Zeitbombe Bobby und die paranoiden Eltern Karen und Mark:

"Es ließ sich nicht länger übersehen, dass ein Tier in der Lobby war, die Lider schwer von gleichgültiger Gier, die Schultern vorgebeugt, angespannt und zum Sprung bereit. Marks Herz hämmerte, und er fragte sich, wie lange diese Kreatur noch vor seiner Schwelle lauern wollte, die sich mit nichts anderem zufriedengeben würde als mit seinem Kind." Leseprobe

Vorhersehbare Handlung

Der Kontrast von arm und reich, eine vergiftete Ehe, die unabsichtlich provokante Lolita: die Geschichte bleibt etwas zu schwarz-weiß und bedient sich vor allem an Klischees - tausendfach schon gesehen, tausendfach gelesen. Immer wieder entwickelt sich der Plot vorhersehbar - wenn auch mit einem zumindest überraschenden Ende. Das dann jedoch skeptisch und unbefriedigt zurücklässt.

Der Sprache fehlt die Tiefe, die Beschreibungen bleiben flach und leblos. Da ist die Rede von Schönheit, von der deren Besitzerin nichts ahnt, von Reinheit, die Menschen in den Bann zieht, oder von einem zarten Flaum im Gesicht von Heather, den Bobby angeblich meterweit entfernt vom Baugerüst erkennen kann. In solchen Momenten fühlt sich der Leser nicht ernst genommen.

Mag sein, dass "Alles über Heather" an sich ein passables Roman-Debüt wäre. Aber die Erwartungen waren hoch an Matthew Weiner, der seit Jahrzehnten mit seinen düsteren, zwielichtigen Serien-Drehbüchern ein Millionenpublikum unterhält. Dem wird dieser Thriller nicht gerecht. Bleibt zu hoffen, dass Weiner sich auf seine Stärken besinnt. Romane schreiben gehört nicht dazu.

Alles über Heather

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-09463-8
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.11.2017 | 12:40 Uhr

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