Stand: 05.09.2016 23:41 Uhr

Freddie Mercury - ein charismatischer Musiker

von Stefanie Groth

Einige Monate ist es her, dass die Welt Abschied nehmen musste von David Bowie. Ein Ausnahmekünstler, der eine klaffende Lücke in Popkultur und Musikszene hinterlässt. Einer, der ähnlich schillernd, facetten- und einflussreich war, und doch irgendwie von unserem Radar verschwunden ist, ist Freddie Mercury.

Am 5. September wäre der britische Musiker und Frontmann der Rockband Queen 70 Jahre alt geworden - ein Alter, das er selbst nie erreichen wollte. Er habe ein volles Leben gehabt und wenn er morgen tot sei, es wäre ihm egal, er habe alles getan - das sagte Freddie Mercury 1987 in einem Interview. Kurz zuvor hatte er von seiner Aids-Erkrankung erfahren. Vier Jahre später, 1991, war er tot. Der Knesebeck-Verlag widmet Mercury nun zum 70. einen Bildband, der zwei Dinge deutlich macht: Ja, er hatte ein volles Leben. Aber gegangen ist dieser außergewöhnliche Künstler viel zu früh.

Vom braven Internat ins bunte, wilde London

Anfang der 60er-Jahre in Panchgani, Indien. Ein Schnappschuss auf dem Schulhof des Internats "St. Peters" knapp 250 Kilometer von Mumbai entfernt. Drei Jugendliche stehen wie die Orgelpfeifen nebeneinander, in akkurater Schuluniform, gestreifter Krawatte, gebügeltem Jackett, unter dem es furchtbar warm sein muss. Ganz rechts Farrokh Bulsara, mit dichtem schwarzen Haar, Segelohren und Überbiss. Er lächelt, blinzelnd gegen das blendende Sonnenlicht in die Kamera.

1985. Queen spielen bei Live Aid im Shaw Theatre in London. 72.000 Menschen im Bann von Sänger Freddie Mercury. Der turnt in knallenger Jeans mit Nietengürtel, weißem Feinripphemd, das viel Brustbehaarung blicken lässt, zurückgegelten Haaren und übergroßem Schnurrbart wie eine Naturgewalt über die Bühne. Schöpft aus einem endlosen Repertoire an Posen und Bewegungen, pumpt mit den Armen, joggt auf einem unsichtbaren Laufband, schwingt den Mikrofonständer wie ein imaginäres Schwert. Die Masse tobt.

1987. Townhouse Studios in West London. Am Flügel sitzt die Opernsängerin Montserrat Caballé. Sie lacht so herzhaft, dass sie sich mit der rechten Hand auf den Tasten abstützen und mit der linken die Augen wischen muss. Neben ihr steht Mercury, geschniegelt und gestriegelt, etwas dünner und blasser als man ihn kennt und ohne Schnurrbart, ohne den er etwas nackt wirkt. Auch er lacht, trommelt mit den Handflächen auf den Deckel des Flügels.

Drei Fotos, drei Figuren und doch ein und dieselbe Person: Freddie Mercury, Frontmann der britischen Rockband Queen, talentierter Musiker, schillernder Künstler. 

"Bohemian Rhapsody" wird ein Riesenhit

Wussten Sie eigentlich, dass ...

  • ... Freddie Mercury stets einen fußlosen Mikrofonständer für seine Konzertauftritte effektvoll als Tambourstock und für Luftgitarren-Simulationen benutzte.
  • ... Freddie zusammen mit Joe Dare ein Duett für den Schimanski-Film "Zabou"/1986  schrieb und sang.
  • ... Mercury 1984 für den Soundtrack der Bearbeitung des Fritz-Lang-Films "Metropolis" eine gemeinsame Komposition mit Georgio Moroder ("Love Kills") als Song beisteuerte.
  • ... er 1986 nicht nur zwei Songs für das Musical "Time" aufnahm, sondern auch als Gastsänger an einer Londoner Benefiz-Aufführung dieses SF-Musicals mitwirkte.
  • ... 1983 im Haus von Michael Jackson Songs von Mercury und Jackson aufgenommen wurden, von denen "There Must Be More To Life Than This" 2014 auf dem Album "Forever" veröffentlicht wurde.

1946 wird Farrokh Bulsara in Sansibar in eine aus Indien stammende Familie geboren. Die Eltern, Regierungsangestellte, schicken ihn weg, aufs Internat nach Indien. 1964 flieht die Familie vor der gewaltsamen Revolution in Sansibar nach London. Farrokh nennt sich nun Freddie, studiert Kunst, interessiert sich aber mehr für Musik und lernt bald seine zukünftigen Bandkollegen kennen. Sie gründen "Queen" und feiern 1975 mit "Bohemian Rhapsody" ihren großen Durchbruch.

Während die Band sich klar dem Rock verschreibt, saugt Freddie Mercury alles in sich auf, lässt sich von Musik und Kunst jedweder Art beeinflussen. Von der ägyptischen Sängerin Um Kulthum ebenso wie von Cliff Richard. Wird inspiriert von Ballett und Operngesang. Montserrat Caballé galt ihm als größte Stimme der Welt. Dass er mit ihr, kurz bevor er seiner Aids-Erkrankung erlag, das Album "Barcelona" aufnehmen konnte, war für ihn ein Lebenstraum, der wahr wurde.

 Freddie Mercury liebt das Rollenspiel

Freddie dekadent mit weißem Anzug, schwarz lackierten Nägeln und Föhnfrisur bei einer Tasse Tee am Pool.
Freddie leger in Shirt und Jeans im Wohnzimmer neben seiner langjährigen Freundin Mary Austin.
Freddie in Aktion mit nichts mehr als rot-weiß gestreiften Hotpants und Hosenträgern auf der Bühne.
Freddie intim, Backstage im Bademantel in der Maske, beim Rasieren, kurz vor einem Auftritt.
Freddie in engem Spandexanzug als Balletttänzer mit dem Royal Ballet London.
Freddie im Offiziersmantel und nichts weiter darunter bei seiner ausschweifenden, hedonistischen Geburtstagsparty in München.

Schillernd, facettenreich, extrovertiert. Ein Orkan auf der Bühne, galt er privat als schüchtern und zurückhaltend, zog nur wenig Freunde ins Vertrauen. Einer, der nicht unbedingt einfach war, sich zurückzog, auf seiner Meinung beharrte, mit den Bandkollegen stritt, zeitweise tief im Party- und Drogenmilieu abtauchte. Und doch von allen geschätzt wurde, als Mensch, als Musiker.

Ein Musiker, der sein Publikum verzaubert

Einer, der das Leben und die Promiskuität liebte und es hasste, Songtexte zu schreiben, Interviews zu geben und vor allem: zu scheitern. Eine Fülle an Fotos versucht, das erfüllte Leben dieses Mannes wiederzugeben, der mehr als ein Rockstar war, stets mit verschiedenen Rollen spielte, sich nicht festnageln ließ, nicht stehenbleiben wollte. Interviews mit Freunden, Musikerkollegen und Wegbegleitern lassen den Menschen erahnen, der hinter der schillernden Kunstfigur Freddie Mercury steckte.

Der große Heuchler! - "The Great Pretender", jemand also, der vorgibt, etwas zu sein: Diese Rolle beschreibe ihn am besten, sagte er einmal in einem Interview über sich selbst. Doch das Bild passt nicht ganz - denn Freddie Mercury gab nie vor etwas zu sein, das er nicht war. Immer verkörperte er die verschiedenen Charaktere, in die er auf der Bühne, im Tonstudio oder Musikvideos schlüpfte, sich ganz und gar aneignete und damit verzauberte.

Er wollte die Leute erreichen und bewegen, ihnen immer Neues bieten. Songs, sagte er, wären für ihn wie ein T-Shirt oder Kleider. Man trägt sie, man wirft sie weg, für etwas Neues. Was er früher geschrieben habe, sei für ihn erledigt. Blättert man durch den Bildband, hört man all die Hits, die er geschaffen hat im Kopf und muss ihm, bei allem Respekt, widersprechen: Diese Songs werden bleiben.

Freddie Mercury - A Kind of Magic

von Mark Blake, aus dem Englischen von Claire Roth
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Knesebeck Verlag
Bestellnummer:
978-3-86873-851-3
Preis:
34,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.09.2016 | 17:40 Uhr

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