Stand: 06.04.2017 12:40 Uhr

Ein gewagtes Experiment

Das Herz kommt zuletzt
von Margaret Atwood, aus dem Englischen von Monika Baark
Vorgestellt von Esther Willbrandt
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Atwoods aktueller Roman beschreibt ein beunruhigendes Szenario, das uns die menschlichen Abgründe vor Augen führt.

Klassische Dystopien wie George Orwells "1984" oder Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" haben bei Lesern gerade wieder Hochkonjunktur. Auch die Bücher der Kanadierin Margaret Atwood gehören dazu, allen voran "Der Report der Magd" von 1985, der diesen Monat sogar als Fernsehserie Premiere feiert. In dieses Klima fällt der neue Roman der 77-Jährigen, die mehr als 20 Ehrendoktorwürden in aller Welt ihr Eigen nennt und schon immer als besonders politische Autorin aufgetreten ist. "Das Herz kommt zuletzt" heißt Margaret Atwoods neues Buch. Wieder eine Dystopie, angesiedelt in einer nahen Zukunft.

Düstere Visionen

Charmaine und ihr Mann Stan verlieren durch die Finanzkrise alles. Zu Beginn des Romans leben sie in ihrem Auto, von den paar Dollar, die Charmaine in einer Bar verdient. In seiner Not bittet Stan seinen verhassten Bruder um Geld. Conor stand schon immer auf der anderen, der dunklen Seite - klar, dass er jetzt der Überlebensfähigere ist. Conor durchschaut sofort, worauf Charmaine und Stan sich einlassen wollen, um ihrer unerträglichen Situation zu entkommen: Ein fragwürdiges Sozioexperiment, das den Teilnehmern eine sorgenfreie Zukunft verspricht:

"Erinnern Sie sich noch, wie Ihr Leben mal war? fragt die Stimme des Mannes […]. Bevor die Welt, wie wir sie kannten, auseinanderbrach? Beim Positron-Projekt in der Stadt Consilience kann es wieder so sein wie früher. Arbeiten Sie zusammen mit Gleichgesinnten! Helfen Sie mit, die Probleme unseres Landes wie Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu lösen, und gleichzeitig Ihre eigenen Probleme zu lösen! […] Bewerben Sie sich noch heute!" Leseprobe

Charmaine und Stan verpflichten sich lebenslänglich zu einem zweigeteilten Alltag: Einen Monat wohnen sie in einem schönen Haus und gehen einer Arbeit nach - einen Monat leben sie im Gefängnis, während ein anderes Paar ihr Haus bewohnt.

Erwartungsvoll drückt Charmaine Stans Hand. "Wir tun genau das Richtige", sagt sie. Leseprobe

Spiel mit den Erwartungen der Leser

Wie immer spielt Atwood sehr geschickt mit den Erwartungen ihrer Leser. Immer da, wo der Roman am abgedrehtesten erscheint, ist er der Realität am nächsten. Die profitorientierte Privatisierung von Gefängnissen zum Beispiel: in den USA und Kanada ein Erfolgskonzept, das auch Frankreich und Großbritannien erreicht hat.

Stan und Charmaine wählen ein Leben in Wohlstand und Sicherheit, aber auch in kompletter Überwachung, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt - bis sich die Zyklen durch einen angeblichen Systemfehler verschieben und Charmaine und Stan getrennt werden.

"Ach, es ist bestimmt nichts weiter", sagt die Beamtin. Irgendjemand müsse ein paar falsche Daten eingegeben haben […] Sie nickt und lächelt. Doch die Beamtinnen sehen sie komisch an (jetzt sind es zwei, sogar drei hinter dem Schalter […]), und ihre Stimmen klingen irgendwie seltsam; sie sagen nicht die Wahrheit. Leseprobe

Ein Fehler im System

Charmaine bleibt im Gefängnis, Stan muss jetzt mit der Frau seines Haustauschpartners leben - und die gehört nicht nur zur ersten Riege der Positron-Funktionäre. Sie plant auch, das ganze System hochgehen zu lassen - gemeinsam mit Stans Bruder Conor. Denn hinter der idyllischen Fassade herrschen Macht- und Profitgier, Gerüchte über Organhandel und Menschenversuche kochen hoch. Auch die naive Charmaine trägt ihren Teil bei, sie arbeitet in ihren Gefängnismonaten als Todesengel, der angeblichen Schwerverbrechern die Spritze gibt.

Doch eines Tages liegt ihr eigener Mann vor ihr auf dem Tisch. Stan soll geheime Informationen nach draußen schmuggeln, und im Gegensatz zu Charmaine wissen wir Leser, dass in der Spritze nur ein Betäubungsmittel ist. Oder doch nicht?

Die eigenen Abgründe entdecken

Atwood bleibt eine scharfe Beobachterin. Das Finanz-Crash-Szenario wirkt zwar leicht angestaubt, aber bei der Frage, wozu Menschen bereit sind, wenn es um ihre eigene Sicherheit geht, könnte der Roman kaum aktueller sein.

Auch typisch für Margaret Atwood: Am Ende sind es die Frauen, die Lösungen finden. Selbst die komplett überzeichnete, zuckersüße Charmaine, die am liebsten bestickte Nachthemden trägt und Redensarten ihrer Oma wiederkäut, entdeckt im Verlauf der Geschichte ihre eigenen Abgründe. Dem düsteren Szenario setzt die Autorin Humor entgegen. Kleine Albernheiten wie als Elvis und Marilyn verkleidete Sexpuppen made in Positron verzeihen wir ihr dabei gern. Genauso wie den etwas plakativen Schluss.

Am 17. April erscheint bei Knaus schon ihr nächstes Buch: "Hexensaat" - eine Neufassung von Shakespeares "Der Sturm".

Das Herz kommt zuletzt

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin / Piper
Bestellnummer:
978-3-8270-1335-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.04.2017 | 12:40 Uhr