Stand: 11.08.2020 08:13 Uhr  - NDR Kultur

Marcel Beyers überraschende und inspirierende Gedichte

Dämonenräumdienst
von Marcel Beyer
Vorgestellt von Joachim Dicks
Cover des Buchs "Dämonenräumdienst" von Marcel Beyer © Suhrkamp
Marcel Beyers Gedichte sind sprachlich verspielt, voller Humor und Leichtigkeit.

Büchner-Preisträger Marcel Beyer hat im ARD Radiofestival zuletzt seine Geschichte "Stadtplan. Weltatlas. Sich Zuhause verlieren" gelesen. Davor seine eigens für NDR Kultur geschriebene Erzählung "Seewetter.Stimmen.Sturm." Beide finden Sie übrigens immer noch auf unserer Internetseite. Und nun erscheint der neue Gedichtband von Marcel Beyer. Er heißt "Dämonenräumdienst".

Bin jetzt in einem anderen Wald und muß
mir nichts erzählen, nichts mehr
erzählen, nichts, in diesem Lärchenwald,
in dieser Märchenwelt. Hier auf der

Lichtung äsen die Scheinhirsche, hier finden
sich Dämonen ein, um gemeinsam zu
weinen, und hier machen die Pferdchen halt,
in Miniaturgestalt, im Märchenwald …

Die Dämonen in der lyrischen Welt Marcel Beyers stammen allesamt aus dem Schattenreich der Sprache, der Buchstaben und der Klänge, die sie erzeugen. So frei diese Dämonen auch erscheinen, so sehr sie auch tanzen, so folgen sie doch zugleich strengen Regeln: Jedes Gedicht besteht aus zehn Strophen, die sich ihrerseits aus jeweils vier Zeilen zusammensetzen. Immer spricht ein lyrisches Ich, nur in Ausnahmen versteckt es sich hinter einem Du. Soweit das Korsett. Dahinter ist alles möglich.

Grammatik, du Schlampenstempel
der deutschen Sprache, schütz
mich vor meiner Müdigkeit und
deiner Zauberei, führe mich auf

die Sache hin, führe mich in den
grauen Bereich. Bewahre mich,
der ich dein Angestellter bin,
vor jener Grütze, zäher als zäh,

härter als hart, weicher als weich,
in der ein Reimwort unerkannt
neben dem andern treibt.

Von Moshammers "Daisy" bis Damien Hirst

So tritt er auf, der Dichter: mal stampfend, mal wütend, mal verschüchtert, mal tastend, mal um sich schlagend, sich seiner selbst vergewissernd. So befragt er sein Instrument, die Sprache, und jongliert mit ihr. Er wechselt permanent die Rolle. Mal arbeitet er "als Reh im Innendienst"; mal nimmt er sich des Yorkshire Terriers "Daisy" an, die vom Modedesigner Moshammer verhätschelt worden ist. Mal wird er zum Hai, der bei Damien Hirst Modell gesessen hat.

Tiere bevölkern die poetische Welt Marcel Beyers

Überhaupt Tiere! Sie bevölkern die poetische Welt Marcel Beyers. Das war schon immer so. Und auch diesmal begegnen uns Füchse, Wölfe, Schafe, Lämmer, Störche, Amseln, Kröten, Pferde und Hähne, in Form von Wasserhähnen, und Mäuse in Form von Mickey Mouse. Und dann blättern wir eine Seite weiter und bekommen völlig unerwartet Rat.

Wenn Sie ein kalkhaltiges Leben
führen, beachten Sie bitte
auch dies: Den bloßen Schädel
niemals in die Dackelschale

legen. Fahren Sie immer schön
gemütlich Geisterbahn, am
besten gleich mit allen, die auf
dem Wurstelprater noch betrieben

… Fragen Sie sich bei
allem, was Sie tun, zunächst: Was
würde nun mein Schlüsselbein
dazu sagen? …

Humor und Leichtigkeit gegen Verzagtheit

Die Worterfindung "Dämonenräumdienst" verrät sehr genau, was sich Marcel Beyer in diesem Gedichtband vorgenommen hat. Dem Sprach-Spieltrieb folgen, ohne ihm zu erliegen, wohl wissend, dass bei allem Ordnungsdrang die Dämonen obsiegen werden. Humor und Leichtigkeit sind dabei die Mittel gegen Verzagtheit und mangelnde Zuversicht.

Auf der Phantasie-Bühne des Dichters treten dazu auf: Lucian Freud, Joseph Beuys, Sigmar Polke, Anselm Kiefer, Hanne Darboven, aber auch Elvis, Johnny Cash und Brian Eno. Die Dichter Coleridge und Lowell nicht zu vergessen. Und manchmal fällt kein Name und doch fällt der Schatten Paul Celans ins lyrische Kabinett, wenn es heißt: "Der Tod ist ein Arschloch aus Strehlen, er hockt dort, wo der Ginster blüht." Und dann, ganz schnell, wieder zurück zum Ich.

… Ich weiß, ich bin, entzwergt,

kein Kerl fürs Grobe, ich versuche
mich in Steno, ich weiß, am
Ende geht es um den Klang,
doch manchmal sehne ich mich nach

der Leere, nach der Eile,
dann ziehe ich ins Schwemmland,
ins Schwammland, dann fliehe ich
nach nebenan.

Gedichte reich an Assoziationen und Ideen

Die Gedichte Marcel Beyers machen es der Leserschaft nicht leicht, aber auch nicht schwer. Sie sind klar in der Bildsprache, in der Form sowieso, und so verlässlich voller Überraschungen, so assoziations- und ideenreich, dass ihre Lektüre eine große Freude ist und eine inspirierende Aufforderung, das Gewohnte einmal ganz anders zu betrachten.

… An seinem Schritt hört man, es ist

der jüngere, oder der ältere, doch davon weiß
man nichts, davon erfährt man nur, wenn
der Dämonenräumdienst über den Wald herfällt,
über die Lichtung jagt und die Dämonen

stellt, in welche Richtung, frag ich mich, trag
ich den Sack voll Kirschen, wenn ich dann
heimknirsche, daß ich zurückfinde, in meine
Märchenwelt, von der kein Mensch erzählt.

Dämonenräumdienst

von
Seitenzahl:
173 Seiten
Genre:
Gedichte
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42945-7
Preis:
23 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.08.2020 | 12:40 Uhr

Cover des Buchs "Dämonenräumdienst" von Marcel Beyer © Suhrkamp
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