Stand: 07.07.2020 09:57 Uhr

Charakterstudie eines Prokrastinierenden

von Annemarie Stoltenberg

Im Alfred Kröner Verlag gibt es seit einiger Zeit eine feine Reihe mit international wichtigen Autoren, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Dort ist jetzt gerade das letzte Werk des irischen Kultautors Máirtín Ó Cadhain erschienen: "Die Asche des Tages". Ó Cadhain wurde 1906 westlich von Galway geboren, einer ausschließlich irischsprachigen Gegend, und starb 1970 in Dublin, wo im berühmten Trinity College ein Lesesaal nach ihm benannt wurde. Er hat die irische Literatur im 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst und modernisiert.

Cover des Buchs "Die Asche des Tages" von Máirtín Ó Cadhain © Kröner Verlag
Máirtín Ó Cadhains Roman "Die Asche des Tages", erschienen im Kröner Verlag.

Das erstaunlichste an Máirtín Ó Cadhain ist, dass er zwar neben James Joyce als wichtigster irischer Autor des 20. Jahrhunderts gilt, aber kaum international bekannt ist. Ein Grund dafür könnte sein, dass er - im Gegensatz zu Joyce - tatsächlich in irischer Sprache geschrieben hat, einer Sprache, die nur von wenigen Menschen auf der Welt gesprochen wird. Und es gab dann auch noch viele Jahre Probleme mit den Rechteerben. 15 Jahre hat es gedauert, das juristische Kuddelmuddel für eine deutsche Übersetzung zu entwirren.

Eigentlich muss N. die Beerdigung seiner Frau organisieren

In seinem seltsam düsteren, mit hintergründigem Witz gewürzten Roman geht es um einen Mann, der nur N. genannt wird. Nach längerer Krankheit ist just seine Frau gestorben. Er müsste sich nun um die Beerdigung, eine Trauerfeier und alles Mögliche kümmern. Aber zunächst ist er zu Arbeit ins Büro gegangen und hat seinen Freund Tomas getroffen. Und dann haben sie sich in eine Kneipe begeben:

N. fiel ein, dass seine Frau zu Hause sicher noch nicht aufgebahrt war. Tomas fragte jemanden in der Kneipe, den N. nicht kannte. Der sagte etwas über eine Krankenschwester, die in der Nachbarschaft arbeitete, und schlug vor, dass N. sie anrief. Auf dem Weg zum Telefon ging N. auf, dass er nicht den geringsten Schimmer hatte, wer der Kerl war, und der Kerl hatte auch nicht den geringsten Schimmer, wer N. war. N. fand es ein bisschen komisch, dass so ein Kerl, der ihn überhaupt nicht kannte, diese Krankenschwester ins Spiel brachte… Leseprobe

Ein Protagonist mit chronischer Aufschieberitis

N. hat Verwandte seiner verstorbenen Frau, die ihm im Nacken sitzen und keifend darauf warten, dass er etwas tut und dass er es falsch tut. Er kann in Wirklichkeit gar nichts tun, denn im Text wird bald klar, dass die Hauptfigur an chronischer Aufschieberitis leidet. Dafür gibt es übrigens sogar einen Fachbegriff: Prokrastination. Das ist nicht etwa wie beim Ehemann, der jedes Mal, wenn er den Müll mit runternehmen soll, sagt: Mache ich morgen. Prokrastination ist ein wirklich ernsthaftes, pathologisches Problem der Selbststeuerung. Wenn jemand dringend eine Arbeit machen, für eine Prüfung lernen, Aufsätze schreiben, eine Rezension verfassen oder die Küche aufräumen müsste und es einfach nicht schafft und in der Folge mehr und mehr im eigenen Sumpf versinkt und sich damit jede Chance auf ein glückendes Leben verbaut: Das ist Prokrastination. Der Roman "Die Asche des Tages" ist eine präzise Charakterstudie eines Menschen, der an diesem Problem leidet. Man begleitet ihn nun und möchte unentwegt schubsen, steuern, bewahren. Er wird bestohlen und stolpert weiter. Zwischendurch schafft er es, alle seine Sorgen zu verdrängen:

Es war sonnenklar. Eine Entschuldigung musste ebenso her wie alles andere, was für die Beerdigung vonnöten war. Dieser Gedanke kam ihm so erhebend vor, dass er zu schweben glaubte. Seine Arme fühlten sich so leicht und locker an wie Vogelschwingen, vor allem nachdem er die Eisenketten abgelegt hatte, die ihn dermaßen nach unten gezogen hatten. Fast sprang und hüpfte und tänzelte er nun heimwärts. Leseprobe

Bekommt N. am Ende doch noch die Kurve?

Doch an der nächsten Kreuzung, wo er vor einer Ampel stehen bleiben und warten muss, fährt ein Leichenwagen vorbei und erinnert ihn an alles, was er erledigen müsste. Trauer und Düsternis kehren zurück. Übrigens glaubt man, und das macht einen Teil der Spannung dieses schmalen intensiven Romans aus, ihm immer wieder, dass er noch die Kurve kriegen wird. Man geht ihm immer wieder auf den Leim. Es sei nicht verraten, wie es zu Ende geht. Vielleicht bleibt zum Schluss nur noch Flucht vor allen Verpflichtungen? Das ist verwunschen und schräg. Man liest es gern und schiebt dafür dringend anstehende Hausarbeiten auf. Auch der Rasen kann warten.

Die Asche des Tages

von Máirtín Ó Cadhain, aus dem Gälischen von Gabriele Haefs
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kröner
Bestellnummer:
978-3-520-60301-2
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

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