Elke Heidenreich:,"Männer in Kamelhaarmänteln" © Hanser

"Männer in Kamelhaarmänteln": Elke Heidenreichs Erinnerungen

Stand: 12.10.2020 14:40 Uhr

Elke Heidenreich ist ein Star in der Bücherszene. Jetzt ist neues Buch von ihr erschienen mit dem Titel "Männer in Kamelhaarmänteln. Kurze Geschichten über Kleider und Leute".

von Annemarie Stoltenberg

Direkt, ungeschminkt, frei von der Leber weg - so kennt und schätzt man Elke Heidenreich und so sind auch ihre Geschichten über Kleider und Leute. So erzählt sie etwa aus ihrer Kindheit, als es noch üblich war, dass Mädchen Röcke und Kleider trugen und man sich als Mädchen geradezu verzehrt hat nach einer Cordhose. Daran erinnere ich mich auch.

Kleider und Erinnerungen gehören zusammen

Ich fühlte mich wie auf Flügeln mit der ersten Cordsamthose, zog sie im Winter gleich am Sonntag zum Rodeln an und sauste mit dem Schlitten in einen Stacheldrahtzaun. Tränen flossen in Strömen. Nur wegen der Hose übrigens. So war es bei mir - und lauter in Gehirnkisten und Kästchen verkramte Erinnerungen aller Art lösen diese Geschichten aus!

Dort erzählt Elke Heidenreich ganz en passant in kleinen Häppchen eine Art Biografie anhand der Kleidung, die sie geliebt und getragen hat. Zu Beispiel bei den Festspielen in Salzburg, als sie die Eröffnungsrede halten sollte. Sie wusste nicht, dass es im Fernsehen übertragen und dass da 1.500 Menschen im Publikum sitzen würden.

Mutters gutes Kleid ist nicht mehr en vogue

Sie trug ein altes feines Kleid noch von ihrer Mutter, am Rückenteil ein bisschen von Motten angenagt, aber sehr schön mit weißen Pünktchen, es war jahrelang das einzige gute Kleid der Mutter gewesen, gehütet und in Seidenpapier eingewickelt aufgehoben. In ihrer Rede sagte sie damals:

Es ist unrecht, über den Helden zu lächeln, der mit der Todeswunde auf der Bühne liegt und eine Arie singt. Wir alle liegen und singen jahrelang. Lassen wir uns auf die Kunst ein, mit Liebe, Demut, Mut und unbestechlicher Entschlossenheit, Vertrauen zu ihr. Drehen wir uns nicht um. Wir sind unsterblich. Der Rest ist Schweigen. Leseprobe

Es gab donnernden Applaus. Auf der Toilette, die sie dann erleichtert aufgesuchte, hörte sie, wie zwei Frauen sich unterhielten.

"Die Heidenreich", sagte die eine. "G'scheit ist sie ja schon." - "Ja", sagte die andere, "aber fesch ist sie nicht." Leseprobe

"Gescheit" erscheint Elke Heidenreich natürlich als das größere Kompliment.

Wenn Mütter aufräumen

Eine andere Episode spielt in ihrer Jugend. Die Mutter tat, was Mütter damals taten: Sie warf regelmäßig alte Klamotten der Töchter weg. Die kommen aus der Schule wieder, suchen ihre Sachen, bemerken den Frevel und toben!

Die Töchter kommen mürrisch zum Abendessen und fragen den Vater: "Wo ist Mama?" "Eure Mutter", sagt er "hängt heulend über der Mülltonne und fischt eure Klamotten wieder raus." Die Töchter schweigen betreten. Im Flur liegt später ein Haufen Kleider. Die Mutter knallt die Tür und verschwindet im Schlafzimmer. Die Töchter sortieren schweigend, riechen, verziehen die Nase, seufzen, schmeißen alles zurück in die Tonne und klopfen zaghaft: "Mama?" Leseprobe

Frida Kahlos bunte Kleider

Die meisten Geschichten in diesem Buch sind autobiografisch. Aber eine der Erzählungen handelt von Frida Kahlo und ihren überwältigend bunten Kleidern. Erst lange nach ihrem Tod gab ihr Mann sie zur Besichtigung frei und sie durften fotografiert werden. Es waren Kleidungsstücke, die Bedeutung hatten und etwas von der Kultur ihrer Heimat vermittelten.

Vor dem Unfall, der ihren Körper so schwer beschädigte, trug Frida Kahlo übrigens Herrenanzüge. Das Bild ist auf dem Umschlag von diesem wunderschönen Erzählband zu sehen, der noch viele Schrankfächer mit überraschenden Geschichten von Kleidungsstücken aus edlem Kaschmir, verführerischer Spitze und praktischer Baumwolle enthält.

Männer in Kamelhaarmänteln

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26838-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.10.2020 | 12:40 Uhr

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