Stand: 11.09.2020 15:42 Uhr

Maar: Zehn Kartons "Sams"-Bilder auf dem Dachboden

von Daniel Kaiser

Der bekannte Kinderbuchautor Paul Maar hat das "Hamburger Tüddelband" des Hamburger Harbour Front Literaturfestivals bekommen. Der Erfinder des Sams, dieses wunderbaren Wesens mit den Wunschpunkten und der Schweinenase, wurde damit für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Im Gepäck hatte er ein neues Buch für Erwachsene: seinen autobiografischen Roman "Wie alles kam".

Herr Maar, wie viele Sams-Bilder von Kindern haben Sie eigentlich schon zu Hause?

Paul Maar: Ich habe ungefähr zehn Kartons, die randvoll gefüllt sind, auf dem Dachboden stehen. Und es kommt bald ein neuer dazu, weil der Karton, den ich unter meinem Schreibtisch stehen habe, schon langsam wieder voll wird. Normalerweise bekomme ich etwa zwei Kinderbriefe pro Woche. Aber in Corona-Zeiten, als die Kinder zuhause saßen und nicht in die Schule durften, da kamen manchmal 15 und sogar 20 Kinderbriefe.

Und was schreiben Kinder?

Maar: Da das Sams natürlich Wünsche erfüllen kann, handeln sehr viele Briefe von Wünschen. Kinder sagen mir ihre Wünsche. Dies sind oft sehr banal. "Ich würde gerne Thomas Müller kennenlernen" zum Beispiel. Oder sie wünschen sich eine neue Playstation. Es gibt aber auch ganz existenzielle Wünsche. So hat mir vor kurzem ein Mädchen geschrieben: "Ich stelle mir jeden Abend vor, das Sams kommt zu mir und sagt: Elvira, Du hast einen Punkt frei. Dann weiß ich genau, was ich sage. Dann sage ich nämlich: Sams, ich wünsche, dass der Papa von dieser doofen Frau weggeht und endlich wieder in unsere Familie kommt." Ich beantworte jeden Kinderbrief nicht mit irgendeinem vorgedruckten Brief, sondern handschriftlich, weil ich es toll finde, wenn ein Kind die Initiative ergreift und einem unbekannten Autor einen Brief schickt. Da ist es manchmal besonders schwierig zu antworten.

Wie ich Ihrer Autobiografie "Wie alles kam" entnehmen konnte, sind Sie haarscharf einer Einbrecher-Karriere entkommen. Wie kam das?

Maar: Ich kam aus dem Dorf in die Stadt, in ein städtisches Gymnasium und wurde ein bisschen als Außenseiter verspottet. Zum einen wegen meines fränkischen Dialekts. Und ich war beim Schulsport nicht gerade ein Star. Es gab da zwei Typen, bei denen ich Anschluss fand, die aus einem Viertel in Schweinfurt kamen, das auch ein bisschen verrufen war. Die haben mich in ihrer Bande aufgenommen. Und als sie den großen Coup planten, nämlich in einem Elektrogeschäft einzubrechen, um  Plattenspieler zu klauen, da sollte ich Schmiere stehen. Weil ich das psychologisch nicht ertragen konnte, bin ich dann krank geworden. Ich bekam Fieber und war nicht dabei, als die beiden erwischt wurden und von der Schule geworfen wurden. Das war mein großes Glück. Ich wurde noch einmal verschont.

Sie beschreiben in ihrem autobiografischen Roman eine Kindheit im Krieg. Ihre Mutter stirbt kurz nach der Geburt. Sie haben einen Vater, der sich offenbar lieber ein Mädchen gewünscht hätte, sie auch als Mädchen behandelt und ihr Haar lang wachsen lässt. War das eine glückliche Kindheit?

Maar: Es gibt zwei Kindheiten. Es gibt den ersten Teil meiner Kindheit, den empfinde ich als sehr glücklich. Da zogen wir nach Obertheres, ein fränkisches Dorf. Dadurch, dass ich schon lesen konnte, bevor ich in die Schule kam, hatte ich einen besonderen Status. Ich war ein bisschen das Stadtkind. Vor allem konnte ich sehr gut malen und sehr gut zeichnen. Das hatte sich im Dorf herumgesprochen. Meistens kamen am Nachmittag irgendwelche Mädchen zu mir und sagten: "Paul, könntest Du mir eine Prinzessin mit blonden Haaren und rotem Kleid malen?" Der Preis dafür waren immer zwei Blätter des damals sehr kostbaren Papiers. Auf das eine malte ich die gewünschte Prinzessin. Das andere behielt ich für meine eigenen Zeichnungen und Bilder.

Ihre Vater-Sohn-Geschichte spielt eine große Rolle in diesem Buch, und die hörte nicht mit dem Tod ihres Vaters auf, sondern das ist etwas, was sie lebenslang beschäftigt.

Maar: Ja, wir hatten eine sehr schwierige Beziehung. Als ich Kind war, hat er mich geschlagen, und ich habe ihm das lange nachgetragen. Dadurch war unsere Beziehung immer gestört. Als ich dann der berühmte Sohn wurde, der in der Zeitung stand, hat mein Vater eine Annäherung versucht. Da habe ich ihm als junger Mann die kalte Schulter gezeigt. Das bereue ich im Nachhinein. Es wäre an mir gewesen zu sagen: Warum hast Du mich als Kind derart gedemütigt und geschlagen? Dann hätte er wahrscheinlich gesagt, dass das damals doch alle Väter gemacht haben. Aber so wären wir ins Gespräch gekommen. Und dann wäre diese Annäherung wieder da gewesen. Ich mache mir immer noch Vorwürfe, dass ich das nicht geschafft habe.

In den vergangenen Wochen und Monaten waren Kinderbücher öfter mal in den Schlagzeilen, aber nicht mit Rezensionen, sondern mit Diskussionen über Rassismus  - zum Beispiel bei Jim Knopf oder über den "Negerkönig" bei Pippi Langstrumpf. Muss man alte Kinderbücher überarbeiten?

 Maar: Es ist eine sehr schwierige Frage. Da bin ich zweigeteilter Meinung. Ein Wort wie "Negerkönig" kann man leicht durch "Südseekönig" ersetzen. Das hat auch mein Verlag getan. Aber muss man wirklich alles verändern? Christine Nöstlinger hat dazu einen Aufsatz geschrieben, den ich mit sehr großem Interesse gelesen habe. Sie sagt, sie könnte hundert Bücher vorweisen, von Kant bis Goethe, wo das Wort "Neger" oder "Mohr" vorkommt, und keiner käme auf die Idee, das zu ändern, weil es nämlich Literatur ist. Wenn die Kinderbuchautoren das alles ändern sollen, dann sagt man damit auch, dass das keine "richtige" Literatur sei. Man könnte eine Fußnote machen mit einer Anmerkung. Wenn zum Beispiel bei Otfried Preußler das Wort "Zigeuner" vorkommt, könnte man erklären, dass das früher eine gebräuchliche Bezeichnung war, aber man heute "Sinti und Roma" sagt.

Die Diskussion ist aber wahrscheinlich schon zu scharf für solch einen pragmatischen Umgang.

Maar: Ja, und das ist typisch für die Diskussionen heutzutage. Die werden immer sehr schnell sehr ideologisch und immer schärfer. Es ist schwierig, eine solche Diskussion überhaupt anzuregen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.09.2020 | 19:00 Uhr

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