Der Lyriker Arne Rautenberg sitzt bei einer Lesung vor dem Mikrofon © picture-alliance/ dpa | Wolf von Dewitz Foto: Wolf von Dewitz

Lyriker Arne Rautenberg: "Gedichte sind mentale Teilchenbeschleuniger"

Stand: 28.08.2022 15:04 Uhr

Die Gedichte des Kielers Arne Rautenberg, Jahrgang 1967, sind zur Schullektüre geworden. Welches seine frühesten Erinnerungen an Texte sind und ob ihm vorgelesen wurde, erzählt er im Interview.

Arne Rautenberg: Ich komme nicht aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt. Bei uns stand kein Klavier. Ich weiß, dass ich ein Kind war, was viel in Büchereien gerannt ist, was stapelweise Bücher - "Die drei ???", Enid Blyton, Michael Ende - gelesen hat. Das habe ich alles durchgeackert. Ganz interessant in diesem Zusammenhang scheint mir eine ganz kleine Geschichte zu sein: Ich bin ja inzwischen Profidichter. Und als ich vor ein paar Jahren eine Lesung gemacht habe, kam eine ältere Dame danach auf mich zu und sagte: Wissen Sie noch, wer ich bin? Dann habe ich gesagt: Sind Sie Frau Paulsen, meine Grundschullehrerin? Und sie war es! Wir haben uns ein bisschen angefreundet, sie hat mir ihre signierten Bücher von James Krüss geschenkt und sie hat mir auch ihre Lehrmittel von damals offengelegt - und überhaupt über 30 Jahre Arbeit mit Grundschülern. Da hab ich gedacht: Wer weiß, was ich dieser Frau, die dem Sprachspiel so zugetan war, als ich Lesen und Schreiben gelernt habe, zu verdanken habe? Das sind vielleicht unbewusst meine ersten Vermittlungserfahrungen mit Gedichten und Sprachspiel gewesen. Das ist mir erst 50 Jahre später aufgegangen.

Wann haben Sie begonnen, selbst zu schreiben?

Rautenberg: Als ich ein Teenager war, wurde in der Schule Gerhart Hauptmanns "Biberpelz" und Hoerschelmanns "Das Schiff Esperanza" gelesen. Wahnsinnig langweilige Lektüre, wie ich damals gedacht habe. Etwas später in der Oberstufe haben wir Bücher gelesen, wie Max Frischs "Homo faber" oder Kafkas "Die Verwandlung". Das waren ganz überraschende, positive Lektüreerlebnisse für mich. Auch die expressionistische Lyrik hat damals großen Eindruck auf mich gemacht - oder im Englischunterricht George Orwells "1984" oder "Animal Farm". Das war sehr anregend. Damals war ich schon künstlerisch tätig, habe aber auch angefangen, Poesie zu lesen und mit 19, in den letzten Zügen meines Schülerdaseins, habe ich selber angefangen, Gedichte zu schreiben.

Das heißt, Sie haben gleich mit Gedichten begonnen?

Rautenberg: Ich habe gleich mit Gedichten begonnen, weil ich immer sehr experimentierfreudig war. Gedichte sind eigentlich eine perfekte Schullektüre, wie ich finde, weil sie kurz sind, also schnell zu vermitteln und erfassbar sind - weil das kleine Wortwunderwerke sein können. 'Mentale Teilchenbeschleuniger' sage ich immer, weil irgendetwas Besonderes in den Gedichten passiert - kleine Überraschungsangriffe des Unerwartbaren. Da muss man gedanklich ein bisschen beweglich sein, um da mitgehen zu können. Das hat etwas Herausforderndes.

Darum, finde ich, geht es letztlich auch in der Schule: denken zu lernen. Gedichte sind dafür das perfekte Werkzeug! Deswegen vermittle ich so wahnsinnig gerne Gedichte in Schulen. Mich selber hat es auch angesprochen, über die Kürze der Form selber ein bisschen rumzuspinnen - was auszuprobieren, verrückte Gedanken zuzulassen, einfach dahin zu gehen, wo ich mich vielleicht nicht so verstehe. Das kam mir in meiner damaligen Gemütsverfassung, wo ich ohnehin wenig von dem verstanden habe, was gemeinhin die Lebenswirklichkeit für jemanden bedeutet, der seinen Platz in der Welt sucht, sehr entgegen.

Sie haben schon ein bisschen angedeutet, wie sie den Deutschunterricht in der Schule erlebt haben; von sehr langweilig bis anregend. Hat sich das unmittelbar auf Ihr eigenes Schreiben ausgewirkt?

Rautenberg: Auf jeden Fall. Ich versuche, keine Hierarchien aufzumachen, wenn ich in der Schule bin, also mich überhaupt nicht über die Schülerinnen und Schüler zu stellen, sondern wir befinden uns auf einer Ebene. Es ist auch ein Austausch. Ich halte es interaktiv. Ich schätze den kreativen Pool, der mir da entgegenblickt, der auch etwas beizusteuern und zu sagen hat. Ich will auf jeden Fall zeigen - und das ist vielleicht ein bisschen anders, als es bei mir in der Schule war - dass man nicht immer alles verstehen kann und auch gar nicht verstehen muss, sondern dass man übers Poetische zu sprechen, etwas vom existenziellen Kern unseres Seins begreifen kann. Das ist, finde ich, eine wahnsinnig tolle Lektion!

Und dann möchte ich auch ein bisschen Beispiel sein und Mut machen für künstlerische Existenzen. Dichter sein ist eigentlich kein ordentliches Berufsbild. Eigentlich hätte ich mir das auch gewünscht, als ich Schüler war, dass mal jemand in die Schule gekommen wäre und sich präsentiert hätte, darin, dass man auch ideell seine Träume ausleben kann, wenn sie ins Künstlerische gehen. Ich glaube, das hätte mir damals wahnsinnig geholfen.

Inzwischen sind Ihre Texte selbst Schullektüre. Wie empfinden Sie das?

Rautenberg: Ich muss ein bisschen lachen. Ich war überhaupt kein guter Schüler und wenn ich jetzt überlege, dass meine eigenen Gedichte Schullektüre geworden sind und didaktisiert werden - das ist eigentlich herrlich! Ein kleiner Triumph auf der einen Seite, auf der anderen Seite finde ich es aber auch einfach total schön. Die Schullektüre ist in den Lehrplänen verankert, was ich wirklich gut finde, weil in den Schulen immer wieder auch kreativ mit Gedichten umgegangen wird. Da wird auswendig gelernt, dann wird dazu gemalt, es wird vorgetragen, es wird gesungen, es wird weiter geschrieben. Die Schülerinnen und Schüler probieren vielleicht selber etwas aus. Sie laden Dichterinnen und Dichter ein und löchern sie mit ihren Fragen. Ich mag das alles.

Das Gedicht ist für mich die perfekte Form dafür. Hans-Joachim Gelberg hat gesagt: "Gedichte und Kinder haben viel gemeinsam: Beide wollen spielen", und ich finde, das trifft ein bisschen was vom Kern der Sache. Dass man über das Spiel ins Nachdenken über die Welt, wie sie ist und wie sie vielleicht auch sein sollte, kommen kann. Das ist natürlich eine wunderschöne Sache, wenn man an dieser Mission künstlerisch mit beteiligt sein darf.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Gedichte ausgefallen? Sie sind regelmäßig selbst in Schulen. Wie kommen Ihnen die Schülerinnen und Schüler entgegen?

Rautenberg: Meinem Gefühl nach haben die Lehrkräfte oft ein bisschen Angst: Kann ich einen Dichter einladen, der eine erste Klasse eine Stunde lang mit Gedichten bespielt? Aber die Erfahrung ist, dass das wunderbar geht. Das ist nicht wie beim Prosatext einer längeren Geschichte, die vorgelesen wird. Wenn man da mal zwischendurch nicht aufpasst, ist man raus, kriegt den Plot nicht mit. Die Gedichte sind eine Nummernrevue, und wenn man da mal bei einem oder mehreren nicht aufpasst, ist das nicht so schlimm. Dann kommt das nächste. Es ist kurz getaktet, schnell, abwechslungsreich. Es setzt auf Überraschung, es geht hin und her, es wird viel gelacht bei mir. Es ist vielleicht auch manchmal richtig laut, wild und ich lasse es einfach mal ein bisschen brabbeln.

Ich bin überhaupt kein Typ, der in der Schule zur Räson rufen muss. Da genieße ich natürlich eine hervorragende, exaltierte Position. Ich springe rein, darf der anregende Lustige sein und gehe wieder raus. Das ist herrlich und ich habe das Gefühl, ich renne da offene Türen ein. Ehrlich gesagt habe ich nach den Lesungen, nach dem Rumspielen mit Worten das Gefühl, dass die Schülerinnen und Schüler am liebsten direkt übernehmen möchten und selber Gedichte schreiben wollen. Manchmal machen wir das, wenn wir Workshops direkt an die Lesung anschließen. Das ist für mich wunderbar, weil manchmal einzelne Schülerinnen und Schüler, die vielleicht im Unterricht nicht so auffallen, sich plötzlich durch ganz hervorragendes kreatives Potenzial in Szene setzen können. Oder ganz toll vortragen können oder etwas selbst Gedachtes in der Runde zum Besten geben, obwohl sie sich sonst vielleicht nie melden und äußern. Man darf da nicht immer so ergebnisorientiert denken. Es ist eine offene Stimmung, in der gemeinsam ein bisschen rumgesponnen und sich geöffnet wird. Und ich finde das ganz toll.

Das Gespräch führte Raliza Nikolov.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 27.08.2022 | 14:20 Uhr

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