Stand: 22.10.2019 15:35 Uhr

Späte Suche nach der Wahrheit

Der Wanderer
von Luca D'Andrea, aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth
Vorgestellt von Andrea Heußinger

Als seine literarischen Vorbilder nennt er unter anderem Stephen King, Jo Nesbø und Sebastian Fitzek - vermutlich dient aber auch der Italiener Luca d'Andrea selbst vielen Autoren in spe mittlerweile als Vorbild. Gleich sein erster Thriller (veröffentlicht vor drei Jahren, im Sommer 2016) "Der Tod so kalt" erschien in rund 40 Ländern, wurde 400.000 Mal verkauft und wird derzeit verfilmt. Der zweite dann bekam den Premio Scerbanenco für den besten italienischsprachigen Kriminalroman des Jahres 2017.

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"Der Wanderer" spielt wie seine beiden Vorgänger-Krimis in der eindrucksvollen Kulisse der Südtiroler Alpen.

Weil Luca d'Andrea ganz offensichtlich ein fleißiger Mensch ist, hat er mit "Der Wanderer" mittlerweile bereits den dritten Thriller innerhalb von drei Jahren vorgelegt.

Völlig unerwartet wird darin der Schriftsteller Tony Carcano mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Als er mit seinem Hund die übliche Runde dreht, erscheint wie aus dem Nichts eine junge Frau auf einem Motorrad, drückt ihm einen Umschlag in die Hand, knallt ihm eine und verschwindet wieder - so schnell, wie sie aufgetaucht ist.

Geschichte mit vielen autobiografischen Elementen

Der Briefumschlag enthielt ein Foto, das lang Verdrängtes aufwühlte. Sinneseindrücke. Den Geruch von jenem Ort, an dem das Foto zwanzig Jahre zuvor aufgenommen worden war: Kreuzwirt. Ein Blick, und alles war wieder da. Inklusive der Angst. Im Zentrum, auf allen Vieren und schlammbesudelt: Tony. Neben ihm: Die Leiche einer gerade zwanzigjährigen Frau. Erika Knapp. Leseprobe

D'Andreas neuer Roman ist gespickt mit biografischen Elementen: Sein Protagonist kommt aus demselben Bozener Viertel, in dem auch d'Andrea aufgewachsen ist. Wie seine Figur, hat auch d'Andrea sich nach der Schule zunächst als Journalist versucht. Gearbeitet hat er für eine Lokalzeitung, von der er Ende der 1990er-Jahre nach Dutzenden Schachturnieren und Dorffesten plötzlich zu einem Mord geschickt wurde. Das Opfer: eine junge Frau, die tot am Ufer eines Flüsschens lag.

Mordermittlungen nach 20 Jahren

Im Roman ist es ein abgelegener Bergsee, das Opfer galt im Dorf schon immer als schräg. 20 Jahre später erhält ihre Tochter Sybille einen anonymen Brief. Er legt nahe, dass ihre Mutter nicht - wie angenommen - Selbstmord begangen hat und dass ihr Tod etwas mit der Familie des soeben verstorbenen Dorf-Magnaten zu tun haben muss.

Seit diesem Tag hatte Sib nicht mehr richtig geschlafen und angefangen, Fragen zu stellen. Diskrete Fragen. Auch wenn sie vermutete, dass sie nicht diskret genug waren. Zumindest manchen Blicken zufolge. Leseprobe

Dennoch sucht Sibylle weiter nach der Wahrheit - unterstützt von Tony Carcano, der sich von der Ohrfeige erholt hat und nun fragt, ob er damals missbraucht wurde, um einen Mord zu verschleiern.

Für übersinnliche Ereignisse gibt es eine logische Erklärung

Außenseiter gegen eingeschworene Dorfgemeinschaft: Das war auch schon das Setting in d'Andreas Erstling "Der Tod so kalt". Auch zunächst übersinnlich anmutende Ereignisse, die sich am Ende als sehr weltlich herausstellten, gab es bereits in den Vorgängern. Diesmal sind es geheimnisvolle Tarot-Zeichen und ein altes, wertvolles Buch - in dem unter anderem von einem Wanderer die Rede ist, dem keiner entkommt. Denn natürlich ist Erika Knapp bei weitem nicht das einzige Opfer.

In Fetzen erfährt der Leser, was vor 20 Jahren passiert ist. Das ist, wie gewohnt, raffiniert konstruiert: ein Schlagwort in der Gegenwart, schon wird der Leser in die passende Szene in der Vergangenheit katapultiert. Zum Beispiel, als der Wildhüter sich daran erinnert, wie Erika sich mit Tollwut infizierte.

Zu viele Handlungssprünge und Personen zerfasern die Geschichte

Als Kind streifte Erika gerne allein durch die Wälder. [...] Sie behauptete, dass sie mit den Tieren reden könne und dass diese ihr antworteten. Nur dass die Tiere im Wald eben keine Kuscheltiere sind. Leseprobe

Und im unmittelbar darauf folgenden Kapitel:

Das Mädchen hockte zwischen den Wurzeln einer Kiefer, mitten im Wald. [...] Sie weinte. Die Wunde brannte immer noch. Leseprobe

Leider gelingen die Sprünge nicht immer, leider treten nach und nach immer mehr Handelnde auf den Plan. So gut wie alle Verdächtigen sind auch schuldig - der unterschiedlichsten Verbrechen, wobei die Motivation mancher Figur nicht so ganz klar wird. Alles das sorgt am Ende für eine durch die Jahrzehnte irrlichternde Story - spannend zwar, aber leider auch zu zerfasert.

Der Wanderer

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Penguin
Bestellnummer:
978-3-328-60025-1
Preis:
15,00 €

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