Ljudmila Ulitzkaja: "Eine Seuche in der Stadt"

Stand: 08.03.2021 14:43 Uhr

Ljudmila Ulitzkaja ist eine der wichtigsten Stimmen der russischen Gegenwartsliteratur. Als Kind einer jüdischen Familie geboren, verknüpft sie moderne russische und jüdische Erzählkunst.

von Annemarie Stoltenberg

Eine Grande Dame der Literaturszene - 2020 wurde sie mit dem Siegfried Lenz Preis geehrt. Die feierliche Preisverleihung im Hamburger Rathaus fiel aus. Sie soll aber am 19. März im Rolf-Liebermann-Studio des NDR unter Corona-Bedingungen nachgeholt werden. Wenn alles klappt, zeichnet NDR Kultur sie auf und sendet sie zwei Tage später im Sonntagsstudio.

Ljudmila Ulitzkaja, die ja studierte Biologin ist, erzählt im Nachwort zu ihrem Buch, durch Zufall habe sie von einem Szenario erfahren, das sich 1939 in Moskau zugetragen habe. Damals konnte der NKWD, der Geheimdienst der UdSSR, den Ausbruch einer drohenden Pestepidemie stoppen:

Vermutlich war dies das einzige Mal in der Geschichte dieser brutalen und rücksichtslosen Organisation, dass sie dem Wohl des Volkes diente und nicht seiner Einschüchterung und Vernichtung. Leseprobe

Ein Pestfall führt zur Ausnahmesituation in Moskau

Ulitzkaja machte aus dem historischen Stoff ein Drehbuch und reichte es 1978 bei dem Regisseur Valeri Frid ein. In ihrem Szenario erzählt sie von einem Wissenschaftler. Durch einen nächtlichen Anruf gestört, passiert ihm ein Missgeschick im Labor, wo er an der Entwicklung eines Impfstoffs arbeitet.

Tags darauf wird er nach Moskau beordert und dort im Hotelzimmer schwer krank. Ein Arzt wird herbeigerufen, der einen Pestfall diagnostiziert und ihn ins Krankhaus bringt. Der Arzt verständigte die Gesundheitsbehörde und warnt seine Mitarbeiterinnen.

"Nina Iwanowna! Wir haben eine Ausnahmesituation. Ich habe die Tür abgeschlossen, wahrscheinlich wird gleich Quarantäne verhängt." Leseprobe

Dem Arzt ist schlagartig klar, dass hier eine massive Gefahrenlage herrscht.

Der Geheimdienst soll das Problem lösen

"Es müssen sofort Maßnahmen getroffen werden. Quarantäne - unverzüglich. Ich fürchte, einen Seuchenschutzanzug brauche ich nicht mehr. Lew Alexandrowitsch! Ich bin doch kein Student. Ich bin Arzt. Gut. Ich fürchte, das Volkskommissariat für Gesundheit wird das nicht bewältigen. Eine andere Behörde. Danke."

Der Geheimdienst, der für solche Aktionen prädestiniert ist wie keine andere Einheit, rückt noch bei Nacht und Nebel aus und verhaftet alle Kontaktpersonen, zum Beispiel auch alle, die mit dem Pestpatienten in einem Abteil in der Eisenbahn gesessen haben oder seine heimliche Geliebte. Sie werden alle in Zwangs-Quarantäne gesteckt.

Ein großes Telefonieren beginnt. Hörer werden abgehoben und aufgelegt. Wählscheiben gedreht. Ganz unterschiedliche Personen - in Uniform, in Zivil, Vorgesetzte und Untergebene. Leseprobe

Filmregisseur Valeri Frid lehnt das spannende Drehbuch ab

Das Drehbuch liest sich toll und man hat auch sofort fertige Filmszenen vor Augen. Aber der berühmte russische Filmregisseur Valeri Frid, der selbst ein paar Jahre in stalinistischen Lagern gesessen hatte, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass der Geheimdienst NKWD auch nur ein einziges Mal etwas humanitär Nützliches bewirkt haben könnte. Also schrieb er Ljudmila Ulitzkaja einen Absagebrief.

Aber er war der einzige Filmregisseur, den sie kannte, und so unternahm sie keine weiteren Versuche, das Drehbuch anzubieten. Es verschwand in einer Schublade - bis es ihr jetzt in Corona-Zeiten wieder beim Aufräumen in die Hände fiel.

Ljudmila Ulitzkaja beschreibt im Nachwort ihre Hoffnung, dass die Pandemie heute auf eine starke und schnell reagierende Wissenschaft trifft, die besser ist als je zuvor. Außerdem hofft sie, dass in einer globalisierten Welt nicht Hass und Brutalität obsiegen, sondern Solidarität und Mitgefühl.

Aber in unverwüstlicher Weise ist ihr Text auch mit Humor kräftig durchwürzt. Wer hätte das gedacht, dass wir in einer doch von Angst dominierten Zeit schmunzeln und durchaus amüsiert sind - von einem Text, der von nichts anderem als einer Seuche erzählt.      

Eine Seuche in der Stadt

von Ljudmila Ulitzkaja, aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26966-8
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.03.2021 | 12:40 Uhr

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