Zu sehen ist das Buchcover von "Lilly und ihr Sklave" mit unveröffentlichten Erzählungen von Hans Fallada, erschienen im Aufbau Verlag. © Aufbau Verlag

"Lilly und ihr Sklave": Unbekannte Fallada-Erzählungen erscheinen

Stand: 12.04.2021 14:44 Uhr

74 Jahre nach dem Tod von Hans Fallada veröffentlicht der Aufbau Verlag einen Band mit bisher unveröffentlichten Geschichten. Das Büchlein ist eine kleine literarische Sensation.

Zu sehen ist das Buchcover von "Lilly und ihr Sklave" mit unveröffentlichten Erzählungen von Hans Fallada, erschienen im Aufbau Verlag. © Aufbau Verlag
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von Katrin Matern

95 Jahre hat es gedauert bis das verloren geglaubte Gerichtsgutachten über Hans Fallada gefunden wurde. 1925 war das vom Rechtsmediziner Ernst Ziemke erstellt worden. Damals war Fallada verhaftet und nach Kiel gebracht worden. Da hatte er 6.000 Reichsmark veruntreut, war quer durch Deutschland geflohen, hatte nächtelang durchgetrunken. Die heutige Leiterin der Rechtsmedizin Kiel, Professorin Johanna Preuß-Woessner, hat die Fallada-Akte nun aufgespürt. Und noch viel mehr.

"Es war tatsächlich ein bisschen wie im Film", erzählt Johanna Preuß-Woessner. "Ich habe ja eigentlich primär dieses ärztliche Gutachten von Professor Ziemke gesucht und habe dann aber direkt gesehen, dass da auch ganz viele handschriftlich beschriebene Blätter sind, die offensichtlich auch original sind. Das war für mich sofort ersichtlich, dass das Geschichten oder Kurzgeschichten sind."

Originale Handschriften in der Gerichtsakte

Porträt des Schriftstellers Hans Fallada © picture-alliance / dpa Foto: Bifab
Hans Fallada gilt als einer der bedeutendsten sozialkritischen deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Zu Hause recherchiert Johanna Preuß-Woessner die Handschrift von Hans Fallada. Bald ist klar: Sie hat auch Originale von Erzählungen des Schriftstellers gefunden. Die gebürtige Greifswalderin, die mit Falladas "Geschichten aus der Murkelei" aufgewachsen ist, nimmt Kontakt zum Aufbau Verlag und zu Fallada-Biograph Peter Walther auf. Gemeinsam haben sie jetzt den Fund herausgegeben: Fünf Erzählungen, darunter zwei bislang unveröffentlichte.

"Ich glaube, das, was in diesen Erzählungen oder auch in dem Gutachten zu finden ist, bestätigt auf vielfältige und sehr farbige Weise das, was man von dem Leben von Fallada vor allen Dingen von der komplizierten Beziehung zwischen Literatur und biografisch Authentischem vorher schon wusste", sagt Herausgeber Peter Walther.

Wie wäre "Lilly und ihr Sklave" in den 20er-Jahren diskutiert worden?

Eine dieser bislang gänzlich unbekannten Kurzgeschichten trägt den Titel "Lilly und ihr Sklave". Lilly, eine junge Frau aus jüdischem Haus, ist es gewohnt über Menschen zu herrschen, vor allem über Männer. Sie spielt mit ihnen und ihrer Zuneigung zu ihr. Bis sie eines Tages vergewaltigt wird. Der jungen Frau gelingt es nur mit großer Mühe, den Hausarzt zu einer Abtreibung zu überreden. Danach landet sie in einem Sanatorium - wie Fallada selbst mehrfach.

"Bei 'Lilly und ihr Sklave' ist es eher eine Beziehung, die auf Misstrauen und auf Zwang beruht", sagt Walther. "Also eine eigentlich hochmoderne Konstellation, die, wäre sie damals zur Veröffentlichung gekommen, sicher auch einen Teil der literarischen Debatte und der literarischen Moderne der 20er-Jahre geworden wäre."

Vor der Verhaftung und im Gefängnis verfasste Kurzgeschichten

Zum Teil sind diese neu aufgetauchten Erzählungen wohl 1926, nach Falladas Verurteilung, in der Haft entstanden. In "Drei Jahre kein Mensch" zum Beispiel erzählt Fallada von seiner Odyssee vor der Verhaftung.

"In dieser Erzählung finden sich schon haarklein die Details dieser Fahrt", sagt Peter Walther. "Und, was wirklich neu ist, nachdem man das Gutachten kennt, das Frau Preuß-Woessner gefunden hat, ist, dass man an dieser einen Geschichte sehr gut erkennen kann, wie er mit dem Authentisch-Biografischen im Verhältnis zum Literarischen umgeht. Denn Literatur und Leben verhalten sich bei ihm tatsächlich wie in einem Spiegelkabinett."

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Lange Zeit war unklar, dass Fallada 1925 in Berlin verhaftet worden ist, nachdem er die 6.000 Reichsmark veruntreut hatte. Auch darüber gibt der Fund von Johanna Preuß-Woessner Auskunft und schließt damit eine biografische Lücke im Leben des Schriftstellers.

"Da finden sich in dieser jetzt aufgefundenen Akte auch Abschriften der Berliner Ermittlungsakten, wo eigentlich davon auszugehen ist, dass die in Berlin nicht mehr vorhanden sind. Dadurch war noch ein Primärquellenstudium möglich in einem Maße, wie das sonst vielleicht nicht möglich gewesen wäre", sagt Johanna Preuß-Woessner.

Hans Fallada starb 1947 in Berlin. Geborgenheit, nach der er sein Leben lang gesucht hat, konnte er zumindest für eine begrenzte Zeit an der Seite von Anna Issel erleben. Sie hatte er 1928 kennengelernt, als er frisch aus der Haft entlassen war.

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