Stand: 02.05.2018 11:38 Uhr

Cash, Kunst und kriminelle Energie

Auster und Klinge
von Lilian Loke
Vorgestellt von Alexander Solloch

Karl Marx kam ja am 5. Mai 1818 zur Welt. Neben all den Biogrfien, die jetzt erscheinen, fällt ein Roman auf, ein Roman, der zwar überhaupt nicht von Marx und seiner Zeit handelt, aber doch zeigt: Die Überlegungen des Philosophen über die zerstörerische Macht des Kapitals und die Verelendung der Massen sind immer noch aktuell. "Auster und Klinge" ist der zweite Roman der jungen Münchner Autorin Lilian Loke über einen virtuosen Einbrecher und einen Künstler im Weltverbesserungsfieber.

"Ich fange normalerweise immer mit dem Thema an, für mich war das Konsum und die Natur des Menschen in Bezug auf Gewaltbereitschaft", sagt Autorin Lilian Loke. "Inwieweit ist die Gewaltbereitschaft Teil der Natur des Menschen? Und inwieweit ist auch Empathie Teil der Natur des Menschen? Deshalb habe ich nach Figuren gesucht, die das transportieren können. Und so kamen schließlich diese beiden Hauptfiguren heraus, die sich gegenseitig ergänzen und auch aneinander reiben."

Gegensätze ziehen sich an

Bild vergrößern
Lilian Loke ist eine deutsche Autorin. Ihr Debütroman "Gold in den Straßen wurde" wurde 2015 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Der Roman erzählt von zwei Männern am Scheideweg. Nichts scheint sie zu verbinden, aber eine zufällige Begegnung führt sie und ihre jeweiligen Talente zusammen. Victor, Mitte 30, ist gerade nach anderthalb Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hätte weitaus länger gesessen, wenn ihm die Polizei mehr als nur einen Bruchteil der tatsächlich von ihm begangenen Einbrüche hätte nachweisen können. Jetzt will er retten, was von seiner Familie noch zu retten ist, und sein eigenes Restaurant eröffnen. Er bräuchte nur einen Investor.

Georg wiederum ist Anfang 40, er reiht schlecht bezahlte Aushilfsjobs aneinander - nicht, weil es ihm um den mickrigen Lohn zu tun ist, sondern um mit Menschen in Kontakt zu geraten, die er über die Schlechtigkeit der Welt aufklären kann. Und - er malt.

"Es gibt Dinge, für die alltägliches Sprechen und Tun nicht ausreicht, deshalb wenden sich Menschen wohl der Kunst zu. Was Kunst denn nun sei. Manchmal ist es, als übergäbe sich dein Geist, weil er zu viel Welt gefressen hat, und du pickst, wieder hungrig, aus dem Erbrochenen die Bröckchen wie eine Taube am Bahnhof. Manchmal ist es, als fändest du nach zehrendem Marsch durch die Wüste, unzähligen irreführenden Luftspiegelungen in der Hitze, eine Oase, du streifst die staubigen Stiefel ab, stürmst hinein ins Wasser, dass es glitzernde Tropfen sprüht."

"Für Georg ist der Kunstbegriff einer, der aufrüttelt, der nicht nur dekorativ ist im Sinne von Design oder Schönheit, sondern der zum Nachdenken, zum Konflikt führt. Und das passiert schließlich in seinen Kunstaktionen auch - gleichzeitig geraten die aber aus dem Ruder", erklärt Lilian Loke.

Reich an schmutzigem Geld

Es ist Georg furchtbar peinlich, und deshalb erfährt es der Leser auch erst so spät: tatsächlich hat er als Anteilseigner eines milliardenschweren Schlachtereibetriebs ausgesorgt. Er ist reich an schmutzigem Geld, angehäuft durch das Leid der Tiere - wie überhaupt jedes Kapital auf der Ausbeutung anderer beruht. Man kann sich gegen diese Erkenntnisse mit Zynismus wehren, wie es Victor versucht:

"Das sind Schwimmer gegen einen Strom aus Scheiße, an dessen Ende nur ein Wasserfall wartet, irgendwann haut es sie trotzdem über die Kante, besser, du bewegst deinen Arsch ans Ufer in Sicherheit. Die ganze Welt besteht aus Dreck, warum der Aufwand, die Leute scheißen auf künftige Generationen, Regenwald, Polkappen, Eisbären… Für Kim würde Victor einiges tun, aber für seine Urururenkel? Komm. Falls die Menschheit ausstirbt, übernehmen atomare Superkakerlaken die Welt, einen schlechteren Job würden die auch nicht machen."

Aber die Augen schließen kann man irgendwann nicht mehr. Georg hat das Geld, Victor das kriminelle Handwerk - das reicht für eine Kunstaktion, die eine ganze wohlhabende Stadt daran erinnert, dass jedem vom Kapitalismus wohlig umhüllten Menschen Blut an den Fingern klebt. Lilian Loke ist ein aufregender, aufwühlender Roman gelungen; ein Roman, der nicht anklagt, nur feststellt: nüchtern, frei von Pathos, sehr wirkungsvoll.

Weitere Informationen

Karl Marx und seine Konkurrenz

Kaum ein anderer einzelner Denker hatte eine so starke Wirkung wie Karl Marx. NDR Info blickt 200 Jahre nach Marx' Geburt auf sein Leben und Wirken in politisch bewegten Zeiten zurück. mehr

Auster und Klinge

von
Seitenzahl:
313 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C. H. Beck
Bestellnummer:
978-3406700590
Preis:
15,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.05.2018 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Lilian-Loke-Auster-und-Klinge,loke100.html
04:47
NDR Kultur

Lilian Loke: "Auster und Klinge"

04.05.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:37
NDR Kultur

Joyce Carol Oates: "Pik-Bube"

03.05.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:13
NDR Kultur
04:50
NDR Kultur

Svenja Leiber: "Staub"

30.04.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

28:13
NDR Info
43:36
Unsere Geschichte

Als die Jeans noch Nietenhose hieß

22.09.2018 11:30 Uhr
Unsere Geschichte
03:01
NDR Kultur

Kultautor Frank Schulz' Heimabend in Stade

20.09.2018 08:25 Uhr
NDR Kultur