Leipziger Buchpreis 2021: Starke Titel in der Belletristik

Stand: 13.04.2021 15:07 Uhr

Der Leipziger Buchpreis ist in den Kategorien Belletristik, Übersetzung und Sachbuch mit einer Dotierung von 60.000 Euro einer der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Alexander Solloch über die diesjährigen Nominierten und Favoriten.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann
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Die Leipziger Buchmesse findet auch in diesem Jahr nicht statt. Als das vor gut zwei Monaten bekannt wurde, ging ein neuer Melancholie-Schub durch die Welt der Literatur: Die Buchmesse fällt aus. In einzelnen Versatzstücken wird es sie aber doch Ende Mai geben: Zum Beispiel ist eine ARD-Bühne in der Leipziger Innenstadt geplant mit vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern und vielleicht sogar Publikum. Auf jeden Fall soll aber der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben werden.

Wie war Ihr erster Eindruck? Gab es Freude oder Enttäuschung über Bücher, die auf der Shortlist sind - oder über welche, die fehlen?

Alexander Solloch: Große Freude, ganz klar. Natürlich gibt es immer Bücher, die man vermisst. Natürlich hätte man an Monika Helfer denken können mit ihrem Roman "Vati" oder an Shida Bazyar mit "Drei Kameradinnen", ein ganz großartiger Freundschaftsroman, der demnächst erscheint. Oder an Thomas Kunz, etwas sehr Norddeutsches, mit seinen herrlich verschrobenen "Zandschower Klinken". Aber es gibt immer mehr als fünf gute Bücher pro Saison. Und es sind ausnahmlos starke Titel in der Belletristik, für die sich die Jury unter Leitung von Jens Bisky entschieden hat.

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Iris Hanika - mit dieser Nominierung unterstreicht die Jury den Ruf dieses Preises. Nämlich den Ruf, einen gründlichen Blick auf nicht ganz so marktgängige, abseitige Literatur zu werfen. "Echos Kammer" ist eine sehr unterhaltsame, sehr kluge Sprachspielerei, über die Hanika selbst sagt: "Ich hatte die Absicht, mal etwas völlig Sinnloses zu schreiben". Ob ihr das gelungen ist, darüber mag jeder selbst entscheiden - es ist aber sehr preiswürdig.

Die anderen vier Nominierten sind durchaus in aller Munde. Zunächst sei Helga Schuber genannt, die bei Schwerin lebt und im vergangenen Jahr beim Bachmann-Preis für Furore gesorgt hat, den sie auch gewann. Das passiert nicht sehr vielen 80-Jährigen. "Vom Aufstehen - ein Leben in Geschichten", heißt ihr gerade erschienenes Buch.

Dann Christian Kracht, ein Liebling des Feuilletons, nominiert mit seinem neuen Roman "Eurotrash", einer Fortschreibung von "Faserland", seiner abgründigen Mutter-Sohn-Geschichte.

Friederike Mayröcker -  Schriftstellerin und Lyrikerin aus Österreich - nominiert für den Leipziger Buchpreis 2021 © Herbert Neubauer/apa/ dpa-Bildfunk
Die 96-jährige Friederike Mayröcker ist für ihren Lyrikband "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" nominiert.

Auch Judith Hermann ist nach vielen Jahren mit einem neuen Roman wieder da: "Daheim" spielt zu großen Teilen an der Küste in Norddeutschland.

Schließlich, und darüber freue ich mich ganz besonders, ist die große Friederike Mayröcker, die inzwischen 96 ist und wahrscheinlich bis zur letzten Sekunde dichten wird, mit ihrem Lyrikband "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" nominiert.

Haben Sie schon einen Tipp, wer die Favoriten sind?

Solloch: Auf jeden Fall. Ich tippe immer gerne, weil ich sowieso mit meinen Vermutungen falsch liege, und das nimmt mir jeden Druck. Natürlich hoffen die Norddeutschen Bestandteile meines Gemüts, dass Helga Schubert ausgezeichnet wird. Dann könnten wir sie kurze Zeit später auch ganz ausgiebig feiern. Verliehen wird der Preis nämlich am 28. Mai in der Kongresshalle am Leipziger Zoo, und am 10. Juni begrüßen wir Helga Schubert - wenn es pandemisch möglich ist - in Rostock im Rahmen unserer Reihe "Der Norden liest". Aber am wunderbarsten wäre es, wenn die Lyrik ausgezeichnete würde und eine ihrer hervorragendsten Könnerinnen in den letzten Jahrzehnten, Friederike Mayröcker. Sie wird wahrscheinlich nicht nach Leipzig reisen können, aber auszeichnen kann man sie ja. Und diese Gelegenheit braucht sich die Jury nicht entgehen zu lassen.

Das Gespräch führe Raliza Nikolov.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 13.04.2021 | 11:40 Uhr

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