Stand: 11.09.2019 13:00 Uhr

Eine Kindheit im Oslo der Nachkriegszeit

Die Spuren der Stadt
von Lars Saabye Christensen, aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Vorgestellt von Agnes Bührig
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Christensens Roman erzählt von den Sehnsüchten und Nöten der Bewohner Oslos nach dem Krieg.

Lars Saabye Christensen gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautoren Norwegens, seine Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates. Mit seinem neuen Buch "Die Spuren der Stadt" versetzt er sich in das Oslo der Nachkriegszeit Ende der 1940er-Jahre, einige Jahre vor seiner Geburt 1953, und erzählt aus dem Blickwinkel eines siebenjährigen Jungen.

Jesper Kristoffersen wohnt mit seinen Eltern in Fagerborg im Nordwesten von Oslo. Der Stadtteil erinnert an das Leben auf dem Land: Jeder kennt jeden, die täglichen Wege verlaufen zwischen Kirche, Schule, Schlachter und dem großen Park mit den Figuren des Bildhauers Vigeland, einem Ort des Verweilens.

Die Mütter sonnen sich auf den Bänken, lassen dabei aber die Kinder, die auf den Rasenflächen spielen, nicht aus den Augen. Jugendliche füttern die Schwäne, das aber nur, um ihre wahren Absichten zu vertuschen, denn ehrlich gesagt wollen sie nur flirten. Die Brotkrümel, die sie in den Teich werfen, sind der feine Staub des Verliebtseins. Und in den beiden Restaurants, Broen und Herregårdskroen, sitzen die Väter in weißen Hemden und trinken Bier aus kühlen, überschäumenden Gläsern. Alles ist unbekümmert und langsam. Alles ist sorglos und vorübergehend. Alles ist ewig, blauer Himmel, der sich in dem glänzenden Licht des Teichs spiegelt. Leseprobe

Jespers beschauliches Leben endet mit der Erkrankung des Vaters

All das nimmt Jesper ganz genau wahr - Licht, Geräusche, Bewegungen der Stadt und ihrer Bewohner. Er ist hochsensibel, was die Menschen seiner Umgebung als anstrengend empfinden. Seine Freizeit verbringt Jesper mit dem schwerhörigen Sohn des Schlachters und beim Klavierspiel. Wenn seine Mutter zu den Sitzungen des örtlichen Vereins des Roten Kreuzes geht, passt die Witwe aus dem Stockwerk über ihnen auf ihn auf. Eine Frau, die über so etwas Außergewöhnliches wie ein Telefon verfügt.

Er nimmt den Hörer ab und lauscht. Der gesamte Tag, Tag und Nacht, sammelt sich in dem Summton, diesem vielverheißenden Brummen, das nur darauf wartet, unterbrochen zu werden und in Gesprächen, Beichten oder Stille fortzufahren. Es ist ein A. So viel kann er hören. Jesper denkt, wenn es einen Ton gibt, der die Leute zum Weinen bringt, dann muss es doch auch einen Ton geben, der die Leute zum Lachen bringt. Er weiß noch nicht, dass es der gleiche Ton ist, der nur auf eine andere Art und Weise gespielt wird. Leseprobe

Es ist nicht nur das Fehlen eines Telefons in Jespers Wohnung, das uns in eine andere Zeit versetzt. Sie taucht auch auf in den Dialogen, in denen es für Kinder keinen Raum für Widerworte oder lange psychologische Erklärungen gibt. Als sein Vater unheilbar an Krebs erkrankt, ist Jesper mit seinen Gedanken und Sorgen oft auf sich allein gestellt.

Großes Elend in Norwegen nach dem Krieg

Unterbrochen wird der Text immer wieder durch kursiv gesetzte Zitate aus den Protokollen des Roten Kreuzes um 1950, die an das Elend der Nachkriegszeit in Oslo erinnern.

Die Vorstandssitzung fand am 11.12.50 bei Frau Berit Nordklev statt. 58 Pakete mit Kleidung verschiedener Art wurden zusammengestellt und gepackt. Des Weiteren wurden 10 Paar Schuhe und 20 Pakete mit Lebensmitteln (à 20 Kronen) plus 1 Extrapaket, eine Spende von Kaufmann O. Laache, verteilt. 3 Pakete an 3 mutterlose Kinder, Anne, Aase und Inger Hansen, wurden direkt übergeben. Frau Hulda Engen, die früher im Herbst Holz bekommen hat, kam zwei Tage vor Weihnachten und bat um einen Pullover für einen Neffen, der ihn dringend brauchte. Sie bekam 4 Knäuel Wolle und soll ihn selbst stricken. Leseprobe

Auch Jesper muss sich am Ende selbst helfen, als sein Vater nicht mehr da ist. So bildet die Krebserkrankung den Kontrapunkt gegen die gleichmütig erzählte Geschichte aus dem Alltag einer Familie im Oslo der Nachkriegszeit. Dazwischen lässt Lars Saabye Christensen immer wieder die norwegische Hauptstadt auftauchen, für die er mal nüchtern beschreibende, mal poetische Worte findet. Ein plastisches Bild der damaligen Zeit, auch wenn einen die Handlung nicht richtig zu packen vermag.

Die Spuren der Stadt

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-75810-4
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.09.2019 | 12:40 Uhr

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