Stand: 21.10.2016 10:40 Uhr

Reiseromantik und Nostalgie

von Stefanie Groth

"Alt", "heruntergekommen", "in der Zeit stehen geblieben" - das sind für gewöhnlich keine Eigenschaften, mit denen man Touristen anlocken kann. Es sei denn es geht um Kuba. Mit ihrer Patina scheint die größte der Antillen-Inseln der Inbegriff nostalgischer Sehnsüchte zu sein. Könnte sich das bald ändern? Raúl Castro hat seinen Rücktritt für das Jahr 2018 angekündigt. Keiner weiß genau was nach dem politischen Führungswechsel kommen wird. Trotzdem kann man die Uhren auf Kuba förmlich ticken hören, Nervosität macht sich breit. Unter den Staatskadern, und unter den Schaulustigen, die nun in Scharen kommen, um einen letzten Blick auf die sozialistische Insel zu werfen. Dieser "Untergangshysterie" setzt der Bildband "Magie des Augenblicks" ein angenehm unaufgeregtes Porträt von Kuba entgegen.

Der bezaubernde Bann der Insel

144 Stufen sind es, bis ganz hinauf zum Leuchtturm im Castillo de los Tres Reyes del Morro in Havanna. 144 Stufen sind kein Kinderspiel in der legendären Hitze Kubas. Der Fotograf Lorne Resnick erklimmt sie in fünf Jahren dennoch immer wieder, mehr als dreißig Mal, bis er an einem Tag endlich bekommt, was er will.

Der Malecón, Havannas Uferstraße, ist in warmes Licht getaucht. Verlassen thronen die bröckelnden Fassaden der Häuser entlang der Promenade. Prunkvoll und morbide zugleich. Die türkisgrüne Brandung bricht in mächtigen, weiß schäumenden Wellen über den Steindamm, flutet die menschenleere Straße. Einzig zwei Spaziergänger und ein Radfahrer sind unterwegs - und ein rotes Auto, das den überbordenden Wellen davon zu fahren scheint.
Fotograf Lorne Resnick ist Wiederholungstäter, kommt immer wieder nach Kuba, seit die Insel ihn im Sommer 1995 erstmals in ihren Bann zog.

Die große Strahlkraft der Insulaner

Zwei Jungen stehen nur in Unterhosen, jauchzend, am Malécon hinter der Steinmauer, empfangen die schäumende Brandung mit offenen Armen und breitem Lachen. Etwas weiter stehen ein paar ältere Jungs. Die Jugendlichen springen mit Anlauf, kopfüber oder Salto rückwärts in die Bucht. Wollen es sich beweisen. Keinerlei Angst vor dem Bad in der "großen Badewanne", wie die Kubaner die Karibik nennen.

Im Hintergrund steht die Sonne golden auf dem Wasser. Bildet einen traumhaften Anblick für die noch älteren Semester. Gemütliche Männer, die aufgereiht auf der Steinmauer stehen und ihre Angeln weit ausholen, um den Wellen ein paar Fische zu entlocken.

Eine scharfe, blitzende Klinge, angesetzt am Hals und mit aller Vorsicht von unten nach oben zum Ohr hingeführt. Es ist Millimeterarbeit, die hier im Salón Principal in Santiago de Cuba durchgeführt wird. Wie ergeben liegt der Kunde mit zurückgelehntem Kopf auf dem Stuhl, begibt sich vertrauensvoll in die präzisen Hände seines Barbiers.
Mit so viel Schwung setzt der alte Bauer die Rum-Flasche an, dass ihm fast sein Strohhut vom Kopf fällt. Er trinkt in großen, durstigen Schlucken, während er inmitten eines grünen wogenden Meers aus Tabakpflanzen steht.

Zwei junge Mädchen sitzen im Schneidersitz auf einer Straße in Havanna einander gegenüber, mit gekrümmtem Rücken brüten sie hochkonzentriert über einer Partie Schach.

Das Spiel der Gegensätze

Vor allem die ganz Alten und die ganz Jungen haben es Resnick angetan. Man sieht schuftende Greise neben arbeitslosen Jugendlichen. Alt und neu, Vergangenheit und Zukunft?

Pulsierendes Leben und lähmender Stillstand. Wer bei Resnicks Fotografien genau hinsieht, kann erahnen, was sich zwischen diesen Gegensätzen abspielt. Kuba verändert sich. Bei aller Reiseromantik und Nostalgie: Zeit wird es.

Kuba - Magie des Augenblicks

von Lorne Resnick
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Vorwort: Pico Iyer, Einleitung: Gerry Badger
Verlag:
Prestel Verlag
Bestellnummer:
978-3-7913-8214-2
Preis:
49,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.10.2016 | 17:40 Uhr

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