Stand: 11.03.2019 13:38 Uhr

Kindheit im ehemaligen DDR-Grenzgebiet

Was uns erinnern lässt
von Kati Naumann
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Kati Naumann erinnert sich an Schönes und Unangenehmes in der DDR.

1963 wurde Kati Naumann in Leipzig geboren und sie hatte Großeltern, die im Thüringer Wald lebten, mitten im sogenannten Sperrgebiet an der Grenze, wo sie als Kind oft zu Besuch sein durfte. Sie sagt, sie habe schon immer einen Roman darüber schreiben wollen, sich aber nie so recht getraut, auch aus Angst vor einem für sie hoch emotionalen Thema. Jetzt hat sie es gewagt und es ist ein ebenso kenntnisreicher wie berührender Text entstanden: "Was uns erinnern lässt".

Vorliebe für verlassene Orte

Kati Naumanns Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Auf der einen gibt es eine Frau, die heute lebt, eine alleinerziehende Mutter, deren Sohn gerade flügge wird. Sie hat eine Vorliebe für sogenannte "lost places", also verlassene Orte. Kati Naumann sagt über Milla, sie sei: "Eine junge Frau, die sehr einsam ist, die sich von allen verlassen fühlt, die sich verloren fühlt. Wenn sie diese verlassenen Orte aufspürt, dann hat sie das Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein, weil es Orte gibt, die genauso verlassen und verloren sind wie sie selbst."

Beim Wandern im Thüringer Wald entdeckt sie eine Ruine, mit allerlei Gestrüpp überwucherte Reste eines Hotels, das dort früher stand. Sie findet auch Aufzeichnungen und geht der Spur nach. In dem Roman gibt es eindrucksvolle Naturbeschreibungen, verwunschene Stellen, Landschaft, die dadurch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten wurde, weil sie so viele Jahre verbotenes Gebiet war.

Für Kati Naumann waren die Recherchearbeiten für ihren Roman auch eine Reise in die eigene Kindheit: "Der Thüringer Wald hat mich unheimlich geprägt, also der Duft, dieses Grün, das satte Grün. Meine Großeltern waren naturinteressierte Menschen, die eine unglaubliche Kenntnis über die Natur hatten und die uns alles beigebracht und erzählt haben. Das sind also Themen, die immer emotional wichtig für mich waren."

Zwangsumsiedlung aus der Sperrzone

Auf der anderen Zeitebene lernen wir die Familie kennen, die dort schon vor dem Krieg ein Hotel betrieben hat, das während des Krieges Kinder beherbergt hat und dann einen Neustart zu DDR-Zeiten versuchte, bis zu dem Zeitpunkt, als die DDR-Regierung das Gebiet zur Sperrzone erklärte und bald darauf die dort lebenden Menschen vertrieben wurden: "Es kommen immer mehr Reglements, es gibt immer mehr Einschränkungen, sodass sich das immer mehr verengt. Bis dann die Familie zwangsausgesiedelt wird."

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Kati Naumann hat mit etlichen Zeitzeugen gesprochen und war erstaunt, wie tief diese Wunden bis in die heutige Zeit in den Seelen der Menschen nachwirken, ohne zu heilen. Ihr Studium der Museologie in Leipzig kam ihr dabei zugute: "Für dieses Buch ist es wirklich wichtig und gut gewesen. Bei dem Studium, bei der Ausbildung habe ich gelernt, ganz genau zu hinterfragen, sich nie auf eine Quelle zu verlassen. Und ich habe gelernt, wie man recherchiert und wo man Informationen bekommen kann, die man eben nicht so nachlesen kann."

So ist ein Roman entstanden, der hervorragend lesbar ist, zu Herzen geht und spannend komponiert ist. Gleichzeitig setzt es gleichsam ein bis heute nicht wirklich aufgearbeitetes Kapitel der DDR-Geschichte auf den Stundenplan.

Was uns erinnern lässt

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Harpercollins
Bestellnummer:
978-3-95967-247-4
Preis:
20,00 €

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