Karl Ove Knausgård: "Aus der Welt" (Cover) © Luchterhand

Karl Ove Knausgårds erster Roman: "Aus der Welt"

Stand: 19.10.2020 11:40 Uhr

Mit seinem radikalen autobiografischen Romanprojekt "Min Kamp" ist der norwegische Autor Karl Ove Knausgård weltbekannt geworden. Es gab und gibt einen regelrechten Knausgård-Hype.

von Tobias Wenzel

Schon lange wollte der Luchterhand-Verlag auch Knausgårds Debütroman aus dem Jahr 1998 auf Deutsch herausbringen. Aber der Autor hat so schnell und viel Neues geschrieben, dass der deutsche Verlag das alles erst einmal veröffentlichen wollte. Nun ist endlich Knausgårds Debüt auf Deutsch erschienen. "Aus der Welt" heißt der Roman.

Manchmal schloss ich nachts die Schule auf, ging durch das flache, unbeleuchtete Gebäude, betätigte dabei einen Lichtschalter nach dem anderen und sah, wie das Licht die Dunkelheit über mir aufriss, als wäre ein Schwarm schlummernder Insekten geweckt worden und schwärmte nun gereizt in die Räume aus. Leseprobe

Atmosphärisch beginnt Karl Ove Knausgårds Debütroman "Aus der Welt". Er handelt von der Sehnsucht eines Mannes nach der verlorenen Kindheit und dem Versuch, sie noch einmal zu erleben, einerseits durch die Erinnerung, andererseits durch die unerhörte Annäherung an ein Mädchen.

Ein heute kontroverses Thema

Der 26-jährige Aushilfslehrer Henrik verliebt sich in einem nordnorwegischen Dorf in seine 13-jährige Schülerin Miriam, verführt sie, verlässt das Dorf fluchtartig und zieht ins südschwedische Kristiansand, an den Ort seiner Jugend.

Dort rekonstruiert Henrik als Ich-Erzähler, wie sich seine Eltern kennengelernt haben, und erinnert sich an seine Jugend und an seine Zeit als Aushilfslehrer, bis er von der Gegenwart eingeholt wird und erneut auf Miriam trifft.

Das Buch hat viele autobiografische Anteile

Wie der Ich-Erzähler hatte auch Knausgård einen Alkoholiker als Vater, hat seine Jugend in Kristiansand verbracht und war Aushilfslehrer in einem nordnorwegischen Dorf. Der Roman sei aber Fiktion und, stellt Knausgård klar, die Missbrauchsgeschichte reine Erfindung.

Mit dem Thema habe er sich schwergetan. Er sagt: "Ich habe mir damals zwei Wochen lang den Kopf zerbrochen, ob ich so etwas schreiben darf. Ich hatte Angst vor den Reaktionen, dachte das sei ein Problem: ein 26 Jahre alter Mann und ein 13 Jahre junges Mädchen. Aber als mein Buch dann erschienen ist, gab es in der norwegischen Presse keine Kontroverse dazu. Heutzutage wäre das natürlich ganz anders gelaufen."

Knausgårds Schreibtalent zeigt sich schon in seinem Debüt

"Aus der Welt" ist ein hochinteressantes, wenn auch maßloses Debüt. Interessant deswegen, weil Knausgård hier und da, etwa, wenn er Stimmungen beschreibt, schon das Können andeutet, das ihn später zu einem Autor von Weltrang werden lässt. Maßlos ist der Debütroman nicht nur wegen seiner Länge, mehr als 900 Seiten im Deutschen, sondern auch wegen der unbändigen Erzählweise.

So lässt Knausgård seinen Ich-Erzähler über sechzig Seiten von einer skurrilen Parallelwelt träumen, in der Immanuel Kant die örtliche Betäubung erfand, Louis Pasteur Komponist war und Dante die italienischen Republik gründete. Knausgårds Lektor hat damals den Newcomer angefleht, diesen Traum, der nicht zum Rest des Romans passt, zu streichen. Vergeblich. Denn der Autor hatte einfach Lust, sich einmal in fantastischer Literatur auszuprobieren.

Kürzungen hätten dem Buch gut getan

Der Autor erinnert sich: "Dieses Buch ist für mich Ausdruck literarischer Freiheit. Und danach strebe ich bis heute. Nichts planen, nicht nachdenken, einfach schreiben und dem folgen, was da entsteht. Seit meinem Debüt habe ich gewusst, dass es einen Ort für mich und mein Schreiben gibt. Für den Leser ist mein erstes Buch dagegen vielleicht einfach zu viel des Guten."

"Aus der Welt" hätte tatsächlich stärker gewirkt, wenn Knausgård das Buch massiv gekürzt hätte. Trotzdem ist es eine große Freude nachzuerleben, wie sich dieser Debütant voller Impetus in eine fiktive Welt begeben hat, die von seiner eigenen Zeit als junger Aushilfslehrer in Nordnorwegen inspiriert ist: "Es war unglaublich intensiv. Trinken, schreiben, unterrichten. Es war wie ein verdammter Roman."

Aus der Welt

von Karl Ove Knausgård, aus dem Norwegischen von Paul Berf
Seitenzahl:
928 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87437-1
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

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