Stand: 09.01.2020 10:39 Uhr

Hölderlin: Dichter zwischen Ideologien

von Ulrich Kühn
Buchcover: Karl-Heinz Ott - Hölderlins Geister © Hanser Verlag
Autor Ott beschreibt die vielen Interpretationsmöglichkeiten des Dichters

Im März werden es 250 Jahre, dass Friedrich Hölderlin zur Welt kam. Vor nicht mal sehr langer Zeit war der Dichter noch eine wichtige Größe im deutschen Bildungsleben. Die einen lehnten ihn ab: viel zu dunkel und unklar. Andere verehrten ihn maßlos. Selbst Helmut Kohl war stolz darauf, "in Hölderlin gut" gewesen zu sein. Und jetzt? Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott, der schon Beethoven zum bevorstehenden 250. ein Buch widmete, hat sich auch das zweite Geburtstagskind vorgenommen: "Hölderlins Geister".

Erst Beethoven und jetzt Hölderlin: Karl-Heinz Ott ist auf dem besten Weg, der größte Großgratulant des Jahres zu werden. Das Beethoven-Buch war schon sehr gelungen. Für den Dichter im Turm braucht es ein genauso geschicktes, wenn nicht geschickteres Händchen:

Gut auch sind und geschickt einem zu etwas wir,
Wenn wir kommen, mit Kunst, und von den Himmlischen
Einen bringen. Doch selber
Bringen schickliche Hände wir. Leseprobe

Ein Dichter mit sperrigen Texten

Wie wenig sich es von selbst versteht, dass man den Dichter zu packen kriegt, zeigen diese Verse aus der Ode "Blödigkeit", deren erste Fassung "Dichtermut" hieß. Dichtermut, ja, den braucht auch einer, der diesem in alle Richtungen gezerrten und für alle Zwecke genutzten Genius auf der Spur ist. Der hatte sich für sein Leben Größtes vorgenommen.

"Hölderlin versucht natürlich durch eine dichterische Re-Mythisierung der Welt wieder einen großen allgemeinen Sinn in die Welt zu bringen. Er hofft eben durch eine poetische Erzählung wieder die Wunden der Aufklärung heilen zu können", erklärt der Autor.

Wie nähert man sich einem, der alle Sinne, alle Worte danach ausstreckt, dass die Welt wieder heil und ganz wird - wie damals, bei den als Helden hingeträumten Griechen? Am besten fängt man, wie Ott, mit "Tübinger Visionen" an:

Alle Viertelstunde schlagen die Glocken, Verkündigung aus naher Ferne, von was auch immer. Um elf schlagen sie dreiunddreißigmal hintereinander, von jedem Kirchturm anders, die einen voller und runder, die andern dürftiger und höher. Leseprobe

Zwischen Skepsis und Schwärmerei

Sprachklänge aller Art tönen in diesem Buch, mal einfühlend-schwärmerisch, dann wieder - oft auf denselben Vers, dieselbe Hölderlin-Idee bezogen - skeptisch-distanziert. So muss man schreiben über den Mann, den alle für sich haben wollten. Wie zum Beispiel der "Seyns"-Philosoph Heidegger.

Ott meint: "Heidegger sagt auch gleich bei seinen Hölderlin-Vorlesungen zu Beginn: Mir geht es nicht um Interpretation, mir geht es um Tieferes, mir geht es um die Sache selbst, als könnte man das so einfach trennen - und vereinnahmt dann meines Erachtens Hölderlin für die Re-Mythisierung der Welt."

Nationalsozialistische Anklänge

Das Kapitel "Der bräunliche Hölderlin" arbeitet mit knackiger Schärfe die Missgriffe des Schwarzwald-Denkers heraus. Andere haben noch derber, ganz ungehemmt nationalsozialistisch hingelangt. Man lernt es wie nebenbei, weil Ott seine Bildung in diesen schön rhythmisierten Parlando-Stil verpackt, ohne sie je zu verraten. Obwohl er mit Ironie, Selbstironie, Pointen nicht spart: Denn die Hölderlin-Begehrlichkeit hört ja nicht auf, als der vaterländische Weltkriegs-Hölderlin ausgedient hat.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts greift ihn sich neu - jetzt von der linken Seite sagt der Autor: "In Hölderlin erblickt man sich selbst, in seinem Leiden an den Verhältnissen, in seiner Klage über die beschissenen Zustände. Nicht Hölderlin war krank, ganz im Gegenteil, die Gesellschaft war krank, sie hat ihn zerstört."

Eine Tour durch die Facetten der Deutung

Der Wahnsinnige im Turm, soweit reichen die Theorien, war gar nicht irre, er tat nur so in der verkehrten Welt. Ott lässt von derlei Mutmaßungen wenig stehen, ohne sie zu denunzieren: Immer wird zuerst schön fasslich nacherzählt, was die Theoretiker zum Besten gaben. So entsteht eine unterhaltsame Tour durchs wandelhafte akademische Milieu an der Hand eines gewitzten Zeitzeugen: Die Marxisten machen Hölderlin zum Dialektiker, dann kommen die Strukturalisten, die Herausgeber kämpfen ganz eigene Kämpfe - und so weiter in ewiger Frische:

"O Jugend! Jugend! Rief er, dann will ich trinken aus deinem Quell, dann will ich leben und lieben… O lass dir deine Rose nicht bleichen, selige Götterjugend!" Leseprobe

"Forever young" schreibt Ott liebevoll-amüsiert über dieses Zitat. Der wortballende, verschmelzungssüchtig leidende Dichter, der sich seine Götter zurecht macht, zum Beispiel einen Dionysos, der mit dem grausamen griechischen Gott so gar nichts gemein hat: Dieser Hölderlin findet in Karl-Heinz Ott den idealen Porträtisten und mit ihm seine Jünger, denen es nie nur um den Dichter, immer auch um sich selbst ging. Ein mit- und hinreißendes Hölderlin-Geburtstagsbuch.

Hölderlins Geister

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26376-
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.01.2020 | 12:40 Uhr

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