Stand: 06.09.2018 14:30 Uhr

Karen Duve schreibt über Droste-Hülshoff

Bild vergrößern
Karen Duve macht in ihrem neuen Roman Annette von Droste-Hülshoff zur Hauptfigur.

Die Schriftstellerin Karen Duve hat viele Jahre als Taxifahrerin gearbeitet, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ihr erster größerer Erfolg war ihr Buch "Taxi", das Erfahrungen aus dieser Zeit spiegelt. Seitdem kann sie vom Schreiben leben und mischt sich gern auch in öffentliche Debatten ein.

In ihrem neuen Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" beschäftigt sie sich mit der Romantikerin Annette von Droste-Hülshoff. Die eigensinnige Dichterin bestand auf ihre Wünsche und beugte sich nicht den Konventionen ihrer Zeit. Im Interview erzählt Karen Duve von ihrer Beschäftigung mit dem berühmten adligen Fräulein, das keineswegs nur nett und freundlich sein wollte.

Frau Duve, von Annette von Droste-Hülshoff kennen die meisten vermutlich zunächst "Die Judenbuche", eine Novelle, die man auch in der Schule immer wieder lesen muss. War das auch Ihr erster Kontakt mit der Dichterin?

Karen Duve: Ich kannte zuerst diese Balladen wie "Der Knabe im Moor". "Judenbuche" habe ich irgendwann mal gelesen, aber ich kannte sonst überhaupt nichts, und die war mir ganz fremd. Ich fand das auch nicht besonders interessant und hatte gar keine Lust, mich damit zu beschäftigen.

Nun haben Sie sich aber doch mit ihr beschäftigt, und zwar so intensiv, dass ein fast 600 Seiten dicker Roman daraus entstanden ist. Woher kam plötzlich diese Begeisterung?

Infos zum Buch

Titel: "Fräulein Nettes kurzer Sommer"
Verlag: Galiani-Berlin
ISBN: 978-3-86971-138-6
Seiten: 592

Duve: Die Idee zum Roman kam, weil ich von dieser Jugendkatastrophe gehört hatte, von diesem Liebesunglück, dass die arme Frau 1820 mit zwei Männern gleichzeitig was hatte. Das fand man ganz furchtbar schlimm, und die konnte dann nie mehr heiraten und ihr ganzes Leben ging den Bach hinunter. Ich wollte eigentlich etwas ganz Kleines machen, maximal 100 Seiten, und als ich angefangen habe zu recherchieren, merkte ich, dass es viel mehr gab, als ich mir je hätte vorstellen können. Das war fast wie im Facebook-Zeitalter: Die Leute haben sich ungeheuer viele Briefe geschrieben, manchmal mehrere am Tag, haben Tagebücher geführt und Biografien von sich geschrieben. So konnte man viel zusammenpuzzeln, was da wohl tatsächlich passiert sein könnte, dass mir die Frau irgendwann ganz doll ans Herz gewachsen ist und ich gemerkt habe: Die ist gar nicht so kränklich und blutleer, sondern das ist ein ziemlich wildes und auch sexuelles Wesen gewesen, das man nur furchtbar drangsaliert hat und versucht hat zu domestizieren.

Die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff waren lange Zeit gar nicht so sehr bekannt. Sie waren auch in der damaligen Zeit vor allem gar nicht so sehr geschätzt; die Familie von Droste-Hülshoff schrieb sogar: "Wie konnte sie sich nur so blamieren?" Sie haben die Gedichte gelesen - wie gut sind Sie denn?

Duve: Ich hatte gar nicht viel gelesen. Als ich anfing das Buch zu schreiben, kannte ich fast nichts außer diesen ganz berühmten Balladen. Dann dachte ich: Jetzt musst du mal reingucken. Und beim ersten Gedicht, das ich aufschlug, ging es um Erschöpfung: "Ausgeschlürft wie von Empusenzungen" und so weiter. Ich dachte: Eieiei, will ich wirklich über die Frau schreiben? Reden die die ganze Zeit so? Wie soll ich das Problem lösen? Wer will denn so was lesen, wenn ich die so sprechen lasse? Aber ich hatte das allerschlimmste Gedicht gleich am Anfang erwischt. Da kommen ganz zarte, ganz wundervolle und oft auch melancholische Sachen, die mir sehr gefallen haben. Ich habe die aber gar nicht alle gelesen, ich kenne erschreckend wenig, dafür dass ich mich so weit aus dem Fenster gelehnt habe mit Annette von Droste-Hülshoff. Aber ich kann mich ein bisschen herausreden: Sie war ja noch ganz jung, und hatte noch gar nicht so viele. Die meisten und besten Sachen hat sie später geschrieben.

Sie schreiben in Ihrem Buch: "Für Annette war ein Vers so viel mehr, er war alles: Gefühl und Rausch, Ordnung der Gedanken und Ausweg aus der Verzweiflung, Schönheit und Bekenntnis, alles eben." Also eine wahre Dichterin, die wirklich nicht anders konnte, als das rauszulassen?

Duve: Ich glaube, es geht uns allen so: Egal, ob wir auch nichts hinkriegen und am Ende unseres Lebens drei gestammelte Sätze haben, es aber ernsthaft versucht haben - wir müssen das einfach. Ich frage mich auch manchmal, wie Menschen, die nicht schreiben, das alles aushalten.

Für Annette von Droste-Hülshoff kam hinzu, dass zu ihrer Zeit besonders Frauen nicht schreiben durften. Auf einen Mann wäre man vermutlich schon stolz gewesen in der Familie Droste-Hülshoff und Haxthausen - aber als Frau sollte man seine Gefühle doch bitte sittsam für sich behalten. Welche Rolle spielte dieser Geschlechterkonflikt?

Duve: Jein. Ich habe das auch gedacht, aber die Männer hatten es auch wahnsinnig schwer. Auch Heinrich Heines Familie war durchaus nicht begeistert, weil es fast unmöglich war, davon zu leben - es gelang nur ganz wenigen. Aber man konnte ebenso Achtung haben. Oftmals war es schöner, dass man ein Sachbuch machte, irgendwas Vernünftiges. Sich mit den Gefühlen in die Öffentlichkeit zu stellen, das war gerade für den Adel nicht angebracht - obwohl man im Privaten unheimlich viel seine Gefühle zeigen durfte. Das war nicht so, dass man als Mann besonders männlich und hartherzig auftreten musste, sondern man durfte richtig schwelgen und auch Sachen süß und reizend finden. Aber man präsentierte sich nicht, Gefühle waren Hobby. Das war für Frauen immer noch ein bisschen schlimmer als für Männer, aber dass die gar nichts mehr durften, dass die wirklich zu Hause eingesperrt wurden, dass die gar kein Selbstbewusstsein mehr haben durften, sondern nur noch als Hintergrund für die Entwicklung des Mannes da sein sollten - das hat erst ganz kurz danach richtig eingesetzt.

Das Gespräch führte Jan Ehlert

Das komplette Interview zum Nachhören
39:20
NDR Kultur

Karen Duve über Annette von Droste-Hülshoff

07.09.2018 13:00 Uhr
NDR Kultur

Karen Duve macht in ihrem neuen Roman Annette von Droste-Hülshoff zur Hauptfigur - als unangepasste, störrische und spannende Frau der deutschen Literaturgeschichte. Audio (39:20 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 07.09.2018 | 13:00 Uhr

Mehr Kultur

17:22
NDR Fernsehen

Gute Recherchen brauchen Aufmerksamkeit

12.12.2018 23:20 Uhr
NDR Fernsehen
02:14
Hamburg Journal

Premiere von "Rock op Platt goes Christmas"

12.12.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
35:13
NDR Kultur

Regula Mühlemann: Lebensfrohe Koloraturen

12.12.2018 13:00 Uhr
NDR Kultur