Julia Phillips: "Das Verschwinden der Erde" © dtv

Julia Phillips' fesselnder Roman: "Das Verschwinden der Erde"

Stand: 20.01.2021 13:04 Uhr

Ausgerechnet die Halbinsel Kamtschatka mit ihrer Hauptstadt Petropawlowsk im äußersten Winkel Russlands hat sich Julia Phillips für ihren Debütroman ausgesucht.

von Andrea Heußinger

"Damit hat die Autorin eines der besten Bücher 2019" geschrieben - finden unter anderem die "Washington Post" und die "New York Times". Auch für den National Book Award war "Das Verschwinden der Erde" nominiert, der Roman stand auf der Shortlist. Inzwischen wurde er in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

An einem Sommertag im August verschwinden am Stadtrand von Petropawlowsk zwei Mädchen, die Schwestern Aljona und Sofija, elf und acht Jahre alt. Wie so oft während ihrer Sommerferien durchstreifen sie an diesem Tag gemeinsam die Natur. Die Mutter, alleinerziehend, muss arbeiten. Auf dem Rückweg vom Strand treffen die Mädchen einen Fremden. Er habe sich verletzt, erzählt der Mann. Die beiden Schwestern bringen ihn zu seinem Wagen, er bietet an, sie nach Hause zu fahren.

Ein Verbrechen nimmt seinen Lauf

"Sie haben die Ausfahrt verpasst", sagte Sofija vom Rücksitz aus. "Ich will euch zuerst mit zu mir nach Hause nehmen", erklärte der Mann. "Ich brauche noch ein bisschen Hilfe." Die Straße zog sie vorwärts. Sie gelangten zum Kreisel, und er fuhr weiter in den Kreisverkehr hinein und auf der anderen Seite wieder heraus. "Hilfe für den Knöchel?", fragte Aljona. "Genau."
Da fiel ihr ein, dass sie seinen Namen nicht kannte. Sie sah über die Schulter hinweg Sofija an, die aus dem Hinterfenster auf die Straße zurückblickte. "Ich sage nur eben meiner Mutter Bescheid", sagte Aljona und zog ihr Handy aus der Tasche. Der Mann ließ den Schaltknüppel los, streckte die Hand aus und nahm es ihr weg. "He", sagte sie. "Moment mal!" Er nahm das Handy in die andere Hand. Ließ es in das Fach in seiner Tür fallen. Das Geräusch des Aufpralls auf dem Plastik. "Geben Sie es mir zurück!" "Du kannst sie anrufen, wenn wir da sind." Leseprobe

Ein Kriminalfall - aber ganz anders erzählt als üblich: Ausgehend vom Verschwinden der beiden Mädchen erstellt Julia Phillips ein Panorama der Gesellschaft auf der Halbinsel im äußersten Osten Russlands. Ein ganzes Jahr verbringen wir dort, jeden Monat mit einer anderen Figur: der Sekretärin der Grundschule, die die Schwestern besuchten, einer Zeugin, die beobachtet hat, wie sie in das Auto gestiegen sind, einer Freundin der Zeugin. Sie alle betrifft und beeinflusst das Verschwinden der Mädchen in irgendeiner Form. Ihre Leben sind mehr oder weniger lose miteinander verwoben, ab und zu kreuzen sich ihre Wege: auf einer Feier, beim Schlittschuhlaufen, auf der Straße, durch Bekannte oder Kollegen.

Die Landschaft spielt in dem Roman eine große Rolle

Die großangelegte Suche nach den Schwestern bleibt erfolglos. Aus Wochen werden Monate. Zweifel kommen auf, Misstrauen, Gerüchte. Denn wie sollen die Schwestern verschwunden sein: von einer Halbinsel, an drei Seiten von Meer umgeben, an der vierten unüberwindbar durch hunderte Kilometer Berge und Tundra vom russischen Festland getrennt? Überhaupt spielt die Landschaft in dem Roman eine große Rolle: die Thermalquellen und Vulkane, die dichten Birkenwälder und die kargen Steppen.

Sie war ein ganzes Universum weit entfernt vom Schutzgebiet, seinen Regenbogenflüssen und dampfenden Fumarolen. Früher waren sie jeden Sommer dorthin gefahren, wenn es in den Seen von Lachsen nur so wimmelte. Die Bären weideten die Fische aus und verstreuten leuchtend rote Lachseier auf dem Boden. Solche eine gefährliche Schönheit würde sie in den nächsten Jahren nicht mehr sehen. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf.
Sie liefen nach unten. Das Baby schlief. Das Essen stand auf dem Herd. Die Luft in der Wohnung war stickig von Stärke, und die Wände feucht vom Dampf. Wenn sie jetzt rausliefe, fände sie in jedem Stockwerk nur leere Treppenflure vor. Das Geländer würde sich rau anfühlen, so viele Schichten abgeblätterter Farbe, Blau, Grau, Gelb. Sie würde auf den Knopf drücken, die Haustür öffnen und hinaus in die Sonne treten. Leseprobe

Ein ähnliches Rassismus-Problem wie in den USA

Eine archaische, männerdominierte Welt, geschildert ausschließlich aus der Sicht der Frauen mit ihren Sehnsüchten, ihren Ängsten, ihrem Versagen. Die Mädchen sind nicht die einzigen, die verschwinden. Auch andere müssen mit Verlusten leben - ihrer Autonomie, einer geliebten Person, der Gesundheit. Hinzu kommen ethnische und soziale Spannungen: Außenseitern begegnet man auf Kamtschatka mit Misstrauen, manchmal auch mit Hetze und Gewalt. Russen und Ureinwohner leben hier gemeinsam, gleich behandelt werden sie jedoch nicht. Etwa von der Polizei. Da ist plötzlich die russische Halbinsel gar nicht mehr weit weg von der Heimat der Autorin, von Amerika mit seinem Rassismus-Problem, vom fragwürdigen Umgang weißer Polizisten mit schwarzen Menschen.

"Das Verschwinden der Erde" ist eine vielstimmige Geschichte, kunstvoll verwoben zum fesselnden Porträt einer Gesellschaft in einem faszinierenden Setting am anderen Ende der Welt. Fesselnd und originell geschrieben. Präzise und fein beobachtet. Raffiniert komponiert. Ein tolles Debüt!

Das Verschwinden der Erde

von Julia Phillips, aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda
Seitenzahl:
376 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28258-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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