Stand: 07.11.2018 17:39 Uhr

Wie extremistische Organisationen ticken

Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen
von Julia Ebner
Vorgestellt von Jan Ehlert

Die österreichische Autorin Julia Ebner arbeitete mehrere Jahre bei der britischen Quilliam Foundation, einer Organisation, die von Aussteigern aus der islamistischen Szene gegründet wurde. Für die EU war sie als Beraterin im Bereich Terrorismusprävention tätig. In ihrem neuen Buch "Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen" untersucht sie nun die Gemeinsamkeiten von Rechtsextremen und Islamisten.

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Julia Ebners Buch zeigt so nachvollziehbar wie erschreckend, wie extremistische Organisationen funktionieren und argumentieren.

Julia Ebner wollte es genau wissen. Als Forscherin am Londoner Institute for Strategic Dialogue hatte sie sich intensiv mit den Theorien über Extremismus beschäftigt, mit zahlreichen Aussteigern aus Terrororganisationen gearbeitet. Wie aber denken diejenigen, die nicht aussteigen - sondern sich von den radikalen Ideologien begeistern lassen? Ebner wagte den Schritt vom Institut mitten hinein in die Welt der Extremisten.

"Mit militanten Rechtsextremisten Strongbow zu trinken, ist nicht unbedingt meine Vorstellung von einem ungezwungenen Samstagvormittag. Und mit islamistischen Extremisten über ein Kalifat im Vereinigten Königreich zu diskutieren, ist auch nicht gerade ein normaler Samstagabend. Nichtsdestotrotz brach ich am 5. November 2016 mit meinen Gewohnheiten und tauchte innerhalb von nur 20 Stunden in zwei radikal entgegengesetzte extremistische Welten ein." Leseprobe:

Gemeinsamer Feind: das Establishment

Diesen Mut muss man bewundern. Ebner schildert, wie sie bei einer Demonstration der rechtspopulistischen English Defence League gegen den Islam mitläuft, genauso wie ihren Besuch bei einem Treffen der islamistischen - und in Deutschland verbotenen - Organisation Hizb ut-Tahrir. Sie sucht das Gespräch mit den Teilnehmern - und stellt fest: So unterschiedlich die Feindbilder sind, so sehr ähnelt sich die Rhetorik beider Gruppen. Beide fühlen sich von den jeweils anderen bedroht, beide halten ihre Weltsicht für die einzig richtige. Beide sehen die Schuld für die gefühlte Benachteiligung beim Establishment.

"Die 'Empörten', die feststellten, dass ihre Straßenproteste nichts änderten, mussten radikalere Wege finden, um ihre Unzufriedenheit mit dem Status quo zu zeigen. Indem sie ihre liberalen, demokratischen Heimatländer für etwas verließen, das sie für eine bessere Welt hielten, beispielsweise das Pseudo-Kalifat des IS. Oder indem sie für jene an den Rändern des politischen Spektrums stimmten, die behaupten, die Mitte der Gesellschaft zu repräsentieren. Extremisten haben die Lücken gefüllt, wo staatliche Institutionen scheiterten." Leseprobe:

Beklemmende Analyse

"Der Radikalisierungsprozess ist sehr komplex. Oft kommt es zu einer Spirale des Hasses und der Angst, und natürlich spielen da die politischen und die gesellschaftlichen Spannungen eine große Rolle", sagt Ebner. Sie beschreibt dies anhand der Biografien zahlreicher Extremisten: des Attentäters von Quebec in Kanada, der den Tweets von Trump und Le Pen folgte und die "Marginalisierung der Weißen" befürchtete. Oder des Salafisten Sascha L. aus Niedersachsen, der 2017 festgenommen wurde. Bevor er sich dem radikalen Islam zuwandte, war er radikaler Rechtsextremist.

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Diese Beispiele aus der Praxis machen diese Analyse so beklemmend. Zumal Ebner sie mit zahlreichen Theorien aus der Extremismusforschung unterfüttert. Ein zentrales Buch dabei ist Samuel Huntingtons 1996 erschienenes Werk "Kampf der Kulturen", das das Narrativ von einem Kampf des Westens gegen den Islam vorwegnahm. Ebner zeigt, wie sich Islamisten und Rechtsextreme dieses Narrativs bedienen und sich gegenseitig zu immer radikaleren Ansichten und Handlungen provozieren. Und gleichzeitig Druck auf die Mitte der Gesellschaft ausüben, Partei zu ergreifen.

Die Mitte mobilisieren

In diesem Auseinanderdriften der Mitte sieht Ebner die größte Bedrohung für unsere Gesellschaft. Ihr Rat lautet daher: Deeskalation, in der Politik und in den Medien: "Das ist die Gefahr: Wenn die Medien diesen Hass in den Mainstream bringen und normalisieren, können diese Bewegungen noch viel mehr Zulauf erhalten."

Die Mitte mobilisieren, die Randzonen retten - das sind Ebners Ratschläge, wie der drohenden Spaltung der Gesellschaft entgegengewirkt werden kann. Das mag auf den ersten Blick etwas hilflos klingen. Doch ein erster Schritt dafür ist es, die Bedrohung zu verstehen. Und Ebners Buch zeigt so nachvollziehbar wie erschreckend, wie extremistische Organisationen funktionieren und argumentieren - am rechten und am islamistischen Rand.

Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Theiss Verlag
Bestellnummer:
978-3806237016
Preis:
19,95 €

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