Stand: 25.11.2016 10:40 Uhr  | Archiv

Abgesang auf einen Gletscher

von Andrea Schwyzer

Der Winter naht... Spätestens dann, wenn es draußen klirrend kalt und windig ist und die ersten Schneeflocken fallen, wünschen wir uns in die Nähe eines Kaminfeuers, eingewickelt in kuschelig-warme Decken. Oder wer würde diesen Platz dann tauschen wollen, gegen eine notdürftige Behausung in der Kälte draußen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Gletscher...? Und das nicht bloß für ein paar Stunden, sondern für Wochen, gar Monate! Die amerikanische Künstlerin Julia Calfee wollte es so: Eine Zeit lang mit einem Gletscher leben. Aus dieser Erfahrung hat sie nicht nur ein bildschönes Buch gemacht, sie hat "A Glacier's Requiem" gesehen und gehört.

Geröll wächst aus der Schneedecke. Vom Tal drückt ein schleierhafter Nebel herauf. Dahinter lässt sich ein massiver Berg ausmachen - und eine schwarze Wand, die sich dazwischen schiebt. Julia Calfee, auf 2.300 Metern über Meer. Hier oben, in den Schweizer Alpen, steht sie und sieht dem Läntagletscher zu, wie er nach und nach verschwindet.

Ungewohnte Töne formen sich zu einer seltsamen Musik

Sie hat seine "Lieder" aufgenommen, wie die Künstlerin sagt - die Lieder des Gletschers, sein Plätschern, Gurgeln und Tröpfeln. Aus über 300 Audioaufnahmen entstand dann das "Gletscher Requiem", gepresst auf Vinyl-Schallplatte.

Diese Musik hat nichts von einem Requiem, wie unsere Ohren es gewohnt sind. Mahnend tropft der Gletscher aus den Lautsprechern: POC POC POC POC... TOC TOC TOC... TACTACTACTACTAC...

TACTACTACTAC... - beschreibt der Cellist und Komponist Daniel Haefliger in seinem musikalischen Gedicht das mahnende Tropfen des Gletschers. Er ist einer von fünf Künstlern, die für Julia Calfee und ihr Projekt einen eigenen Beitrag beigesteuert haben. So werden die Musik und die Fotografien angereichert mit Texten, Kompositionen, Gedichten.

Diese Gletschermusik ist schwer zugänglich. Es ist keine Komposition, die zum Träumen verführt - lässt keine Assoziationen an malerisch schneebedeckte Alpen zu. Ähnlich ist es mit den doppelseitigen Fotografien. Sie sind abstrakt, teils verwirrend. Keine Spur von Berg-Romantik, keine Bilder zum Dahinschmelzen.

Geheimnisvolle Ansichten eines Gletschers

Fünf Monate lang hat Julia Calfee den Gletscher "porträtiert". Die analogen Schwarz-Weiß-Bilder offenbaren die vielen Gesichter des Gletschers. Er präsentiert sich in diesen Nahaufnahmen immer wieder neu - und immer geheimnisvoll. In etwa so:

Als weiche, hügelige Landschaft - wie Schichten von Seidenpapier, übereinander gelagert - von zerbrechlich durchsichtig bis pechschwarz.
Als Vision des Universums - wie der Beinahe-Kuss zweier ferner Planeten in der bedrohlich wirkenden Dunkelheit.
Als mikroskopisch vergrößerte Sehnen und Knochen - das Innenleben von Mensch und Tier offenbarend.
Als Quecksilber-Lache - Quecksilber, das sich im Licht sonnt und Spiegelzauberei vollführt.
Als Schlund eines Ungeheuers, das seine Fratze keck und fordernd nach oben streckt.
Als Bildnis von Frauenschenkeln - unklar zu erkennen und intim nah.

Die Bilder regen die Fantasie an. Sie wären ein toller Rätselspaß, wüsste man nicht, dass sie eigentlich immer die Kombination von Wasser, Schnee und Eis zeigen - die Observation einer Zeitzeugin.

Calfee wohnte 3,5 Stunden zu Fuß unterhalb des Gletschers in ihrem Basiscamp: "... ohne Elektizität, ohne Toilette und ohne Wasser - abgesehen vom Fluss, der weiter unten vorbei fließt. Hier oben bin ich fast immer allein", erzählt die Künstlerin.

Womöglich braucht es diese lange, einsame Auseinandersetzung mit dem Gletscher, um seine Poesie so zu erfahren, wie Julia Calfee sie gespürt zu haben scheint.

A Glacier's Requiem

von Julia Calfee
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Vinyl-Schallplatte und Beiträgen von Daniel Haefliger, Edu Haubensak, Yang Lian, Peter Schneider, Morris Wolf - Sprache: Englisch
Verlag:
Kehrer
Bestellnummer:
978-3-86828-737-0
Preis:
78,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.11.2016 | 17:40 Uhr

Mehr Kultur

Eine Frau sitzt vor zwei Bücherstapeln und liest ein Buch. © picture alliance/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Jan Woitas

"Der Norden liest - Die NDR Büchertage" in Radio, TV und Online

Passend zur Lockdown-Zeit: In dieser Woche bietet der NDR in all seinen Programmen Literatur, Lieblingsbücher und Lesetipps.  mehr

Eine Fernbedienung ist auf einen Fernseher gerichtet. © IAMphotography / photocase.de Foto: IAMphotography / photocase.de

Wegen der Corona-Krise: Streaming-Dienste boomen

Während die Kinos geschlossen haben, floriert bei den Streaming-Diensten das Geschäft. Und deren Geschäftsmodell ändert sich. mehr

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) © NDR/Christine Schröder

Jubiläum: Tatort als letztes gesellschaftliches Lagerfeuer?

Warum ist der Tatort nach fünf Jahrzehnten noch so ein Hit? Antworten von Fans und von einer Hamburger Medienforscherin. mehr

Ernst Barlach Skulptur © NDR

Bekommt Güstrow ein zentrales Ernst-Barlach-Denkmal?

Ein Bildhauer Henning will Güstrow eine Ernst-Barlach-Skulptur schenken. Bislang hat die Stadt kein zentrales Barlach-Denkmal. mehr