Stand: 13.12.2018 09:39 Uhr

Gänzlich unmelancholisch: Judith Schalansky in Rostock

von Lenore Lötsch

Rostock war am Mittwochabend im Ausnahmezustand und nein, es lag nicht an der NDR Kultur Lesung mit Judith Schalansky im Literaturhaus. 300 Meter davon entfernt war eine AfD-Demonstration und eine große Gegendemo - über Stunden kreisten die Hubschrauber. Pünktlich um 20 Uhr aber war Ruhe und manch ein Demonstrant hatte noch sein "Bunt statt Braun"-Transparent in der Hand, als er das Literaturhaus betrat.

"Jetzt erwartet uns Melancholie", flüsterte der vom Hubschraubergeräusch etwas mürbe gewordene Anti-AfD-Demonstrant seiner Frau beim Betreten des Literaturhauses zu. Er hat nicht damit gerechnet, dass Judith Schalansky stellenweise richtig lustvoll über Verluste, dem Thema des Abends, erzählt. Da braucht es nur ein Stichwort von NDR Kultur Moderator Alexander Solloch: Ewigkeitsgarantie.

"Niedlich, das ist natürlich rührend und so typisch Mensch", stellt Judith Schalansky nüchtern fest: "Da denkt man sich was aus und sagt: Das soll für immer, das soll für ewig sein. Man muss jetzt immer denken, es ist für immer, sonst geht’s nicht."

Rückkehr zu Naturbeschreibungen

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Judith Schalansky (mittig) auf der Bühne mit Alexander Solloch.

Judith Schalansky ist überzeugt: Ein Buch ist immer noch die beste Form etwas zu archivieren und in ihrem "Verzeichnis einiger Verluste" erzählt sie von zwölf Verlusten. "Der Hafen von Greifswald" ist ein Bild von Caspar David Friedrich, das verbrannte. Die Autorin erzählt aber nicht vom Hafen ihrer Geburtsstadt, sondern von einer Wanderung durch das Rycktal und warnt ihre Zuhörer in Rostock: Da gebe es wirklich keine Handlung, sondern nur Naturbeschreibung, die man sonst ja gern mal überblättere.

Die Autorin erzählt, wie sie sich einen Farbatlas besorgte, um ihre vorpommersche Heimat in allen umbra, ocker und achatbraunen Nuancen durchzudeklinieren. Es war der Text, der die Zuhörer im Rostocker Literaturhaus besonders berührte:

"Es ist doch bezeichnend für die Zeit, dass jemand heutzutage, um eine Naturbeschreibung zu machen, in die Bibliothek gehen muss, um die Pflanzen- und Vogelnamen zu lernen", meint zum Beispiel ein Zuhörer.

Den Gesetzen trotzen

Fünf Jahre hat die Recherche der 38-Jährigen für das "Verzeichnis eniger Verluste" gedauert. Und im Umfeld bekam sie immer mal zu hören: Das sei gefährlich, schließlich regiere im deutschen Literaturbetrieb das Gesetz: alle zwei Jahre ein neues Buch, sonst erinnert sich kein Mensch mehr an eine Autorin.

NDR Buch des Monats

"Verzeichnis einiger Verluste"

In ihrem neuesten Buch "Verzeichnis einiger Verluste" spürt Judith Schalansky in zwölf Erzählungen Vergangenem nach. mehr

Aber Schalansky ist eben auch leidenschaftliche Rechercheurin und schreiben kann sie sowieso nur in der Staatsbibliothek in Berlin. "Leider hab ich erfahren, dass die Berliner Staatsbibliothek im Jahre 2022 für acht Jahre zugemacht und saniert wird. Was mache ich also von 42 bis 50?", fragt Schalansky und erntet ein Lachen im Publikum.

Kochen wolle sie nun erstmal lernen, erzählt sie schmunzelnd am Ende eines gänzlich unmelancholischen Abends mit Wortwitz und Sprachgewalt, den die 150 Zuhörer im Rostocker Literaturhaus erlebten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.12.2018 | 06:40 Uhr