Stand: 16.04.2018 18:48 Uhr

Das Ende des Internets

Serverland
von Josefine Rieks
Vorgestellt von Heide Soltau
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"Serverland" ist die Geschichte von Jugendlichen, die davon träumen, die Welt zu verändern.

Josefine Rieks ist 30, hat Philosophie studiert und nun im renommierten Hanser Verlag ihr erstes Buch veröffentlicht. "Serverland" ist ein bemerkenswertes Debüt, denn es spielt in einer Zukunft, in der es kein Internet mehr gibt. Es leben zwar noch Menschen, die es in ihrer Jugend gekannt haben, aber die sprechen nicht gern über die Vergangenheit.

Aufbruch einer Generation

"Serverland" ist ein Abenteuerroman, die Geschichte von Jugendlichen, die davon träumen, die Welt zu verändern. Und das ausgerechnet mit Hilfe alter Youtube-Videos, auf die sie zufällig beim Herumspielen mit alten Rechnern gestoßen sind. Aber mit den Clips wollen sie die Menschen nur anfüttern; dahinter steht der Plan, das Internet zu rekonstruieren. Josefine Rieks erzählt vom Aufbruch einer Generation, die mit antiautoritärem Gestus gegen die Erwachsenen rebelliert, die vor vielen Jahren per Referendum für die Abschaltung des Internets und damit für das Ende des digitalen Zeitalters gesorgt haben. Dagegen lehnen sich die Jugendlichen auf, sagt Rieks: "Sie verstehen nicht, was sie da finden: Relikte einer Gesellschaft, in der es so verschiedene komische Videos gab, die aber alle hierarchielos nebeneinander stehen."

Sie staunen, dass es das hat geben können und dass es das doch wieder geben müsste: eine anarchische Kulturproduktion oder auch Rezeption.

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Ein verklemmter Nerd und genialer Tüftler

"Serverland" verherrlicht das Internet nicht, sondern erinnert an die Anfänge, als die technischen Möglichkeiten Hoffnungen nach mehr Demokratie und Mitbestimmung weltweit weckten. Im Mittelpunkt des Romans steht Reiner, ein verklemmter Nerd und genialer Tüftler aus Berlin. Meist hockt er allein in seiner Wohnung und beschäftigt sich mit Videospielen, wenn sie denn funktionieren und er ein Notebook soweit flott gemacht hat, dass das Betriebssystem wieder läuft. Reiner sammelt Laptops, er findet sie im Elektroschrott oder beim Trödler. Seine neueste Errungenschaft ist ein "MacBook Air", "der Cadillac unter den Notebooks". Neben dem schüchternen, introvertierten Reiner spielt Meyer eine wichtige Rolle, ein alter Schulfreund, der zwar von Elektronik nichts versteht, aber in einer alten Fabrikhalle ausrangierte Server entdeckt hat.

"In diesen Schränken lagen wahrscheinlich Milliarden Dateien gespeichert. Geschrieben von unseren Eltern. Von einer ganzen Generation, die ihre Gedanken allen anderen zugänglich gemacht hatte. Sie hatten sich davon etwas versprochen, etwas Unklares, das sie nicht beschreiben konnten. Davon ging ich zumindest aus." Leseprobe

Meyer ahnt, dass Reiner das Know-how hätte, die alten Server zu reaktivieren, aber das soll nicht in Berlin, sondern in den Niederlanden geschehen. In Eemshaven befindet sich ein stillgelegtes Rechenzentrum von "Google Europa", eingezäunt und bewacht wie alle Industriebrachen des digitalen Zeitalters. Als sie dort ankommen, haben sich bereits andere Jugendliche Zugang verschafft, die auch an die Daten herankommen wollen. Doch Rainer ist ihnen weit überlegen. "Er ist derjenige, der das Programm zur Verfügung stellt und allen anderen ermöglicht, Youtube-Videos zu finden und zu sehen und sich darüber zu begeistern und zu spekulieren", erzählt Rieks. "Aber er hat nicht das Gefühl, die Anerkennung und den Ort in der Gemeinschaft zu haben, der ihm eigentlich gebühren würde, wenn es gerecht zuginge."

Der Traum von einer besseren Zukunft

Josefine Rieks erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive Reiners, der zunächst völlig überfordert ist von den Eindrücken, die in den Niederlanden auf ihn einstürmen. Zum ersten Mal trifft er auf Jugendliche, die seine Interessen teilen, und erlebt eine Gemeinschaft mit Lagerfeuerromantik. Aber er erkennt auch, wie heterogen die Gruppe ist. Einige verfolgen politische Interessen, sie kopieren die Youtube-Videos auf DVDs und verschicken sie. Andere überlegen, wie sich damit Geld verdienen lässt, und wieder andere wollen vor allem ihren Spaß. Sie interessieren sich für gar nichts, wollen einfach nur kiffen und saufen. "Schmarotzer", denkt Reiner frustriert und fährt am Ende wieder zurück nach Berlin. Desillusioniert, aber mit vielen neuen Videos auf seiner Festplatte.

"Serverland" ist ein Roman und kein Sachbuch. Wer eine Lösung erwartet, oder eine Einschätzung der Autorin, wie sie zu Facebook und Google und den Datenskandalen steht, wird enttäuscht. Rieks erzählt zu allererst eine Geschichte. Von Reiner, der gern eine Freundin hätte, und von Jugendlichen, die von einer besseren Zukunft träumen - mit dem Internet.

Serverland

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-25898-3
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Buchtipp | 17.04.2018 | 10:55 Uhr

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