Stand: 02.06.2017 13:00 Uhr  | Archiv

Der Künstler Cy Twombly in all seinen Facetten

Cy Twombly
von Jonas Storsve (Herausgeber)
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Seinen ungewöhnlichen Vornamen hat der amerikanische Künstler Cy Twombly von seinem Vater. Der wurde als professioneller Baseballspieler "Cy" gerufen - eine Kurzform von "Cyclone", auf Deutsch Zyklon. Allerdings zeigte sich bei Twombly jr. früh, dass er kein "Wirbelsturm" auf dem Sportplatz werden wollte. Schon als Junge interessierte er sich eher für Pinsel als für Baseballschläger. Mit 14 begann er, in seiner Heimatstadt Lexington Malklassen und Vorlesungen des spanischen Künstlers Pierre Daura zu besuchen. Dadurch kam er früh in Kontakt mit europäischen Kunstströmungen, mit denen er sich ein Leben lang auseinandersetzte. 

Wichtiger Vertreter des Abstrakten Expressionismus

Heute gilt Twombly als einer der wichtigsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus. Ein neuer Bildband im Sieveking Verlag zeigt alle Facetten seines vielschichtigen Werks - was gar nicht so einfach ist bei einem Künstler, für den Leinwand-Formate von 5 x 2 Metern Normalität waren.

Cy Twombly gehörte nicht zu den Künstlern, die sich gern vor Publikum produzieren. Im Gegenteil: Wenn er arbeitete, durfte niemand sein Atelier betreten. Geschweige denn, ihm beim Malen zusehen. Tagelang soll er vor leeren Leinwänden gesessen haben - konzentriert und angespannt - bevor er plötzlich zum Pinsel griff und mit Elan Farbe auf riesigen Formaten verteilte.

Neuer Umgang mit dem Thema Stillleben

Mehr als fünf Meter lang ist die Tafel, auf die er 2007 feuerwehrrote Pfingstrosen malte. Richtig gehört: Cy Twombly hatte die Chuzpe, im 21. Jahrhundert den verpönten Topos des Blumengemäldes aufzugreifen. Allerdings haben seine Päonien nichts von der dekorativen Banalität, die dem Genre sonst anhaftet. Das Bild sieht aus, als hätte er Beutel mit flüssiger Farbe auf die Leinwand geworfen. Rote und pinkfarbene Tränen ergießen sich aus den Blütenblättern und laufen in Rinnsalen durch das zarte Gelb, das die Blumen umgibt - wie Regenwasser an einer Fensterscheibe.

"The pistil of the peony gushed out into the noonday sunlight” / "Der Stempel der Päonie ausgegossen ins mittägliche Sonnenlicht" steht in krakeliger Schrift in dem Bild, das Twombly im Alter von 79 Jahren in seiner zweiten Heimat Italien gemalt hat.

Schwer zu sagen, wie lange er daran gearbeitet und wie viele Schichten Farbe er übereinander gelegt hat. Der Maler war dafür bekannt, dass er kein Ende fand. Einer seiner Sammler soll sich beschwert haben: "Wenn man einen Twombly besitzt, kann man nie sicher sein, ob er nicht nach zwanzig Jahren plötzlich noch einmal vorbeikommt, um das Bild neu zu übermalen."

Mühseliger Start einer großen Künstler-Karriere

Twombly verfolgte seine künstlerische Laufbahn seit frühester Jugend. Er studierte an mehreren Universitäten und reiste quer über den Globus - begierig, die Kunst und Kultur fremder Länder kennenzulernen. Trotzdem war es ein steiniger Weg bis zum Ruhm. Reihenweise zogen seine Studienkollegen an ihm vorbei.

1964 wurde Jasper Johns auf die documenta in Kassel eingeladen und Robert Rauschenberg, mit dem Twombly eng befreundet war, bekam den großen Preis der Biennale in Venedig. Er selbst brachte es nur zu einer erfolglosen Ausstellung in der New Yorker Castelli-Galerie. "Es gibt ein paar Kleckse und ein paar Spritzer und hier und dort einen Bleistiftstrich", beschrieb sein Kollege Donald Judd die gezeigten Werke.

Malerei und Schrift gehen Hand in Hand

Offenbar war die Zeit noch nicht reif für Twombly. Aus heutiger Sicht wirken die frühen Arbeiten wie Graffitis: Gemälde, ganz und gar überzogen mit filigranen Mustern aus Buchstaben und Zeichen. Malerei und Schrift gehen bei Twombly Hand in Hand. Manche Bilder sehen aus wie Schreibübungen mit dem Pinsel, andere wie bekritzelte Schultafeln.

Twombly war ein vielseitiger Künstler - und das neue Buch präsentiert ihn in allen Facetten: Seine Zeichnungen, seine Gemälde, die Skulpturen, die er aus Fundstücken bastelte. Auch den weniger bekannten Fotos, den atemberaubend schönen Blüten-, Blätter- und Früchte-Stillleben, widmet der Kunstband ein ausführliches Kapitel.

Jeder Abbildung ist die Hingabe und Sorgfalt anzumerken, mit der Verlag und Herausgeber das Buch gestaltet haben. Auf Seiten von 28 x 28 cm ein Gefühl für die Monumentalität der Gemälde zu vermitteln und gleichzeitig zu zeigen, dass bei Twombly das Großformat immer mit Zartheit und Zerbrechlichkeit gepaart war, ist ein Kunststück - und bisher nur selten gelungen.

Cy Twombly

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Texte von Bernard Blistène, Serge Lasvignes, Jonas Storsve, Alessandro Twombly unter anderem - Englisch, aus dem Französischen von Gila Walker und Caroline Higgitt, aus dem Deutschen von John Gabriel
Verlag:
Sieveking Verlag
Bestellnummer:
978-3-944874-61-6
Preis:
49,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.06.2017 | 17:40 Uhr

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