Stand: 15.02.2019 17:22 Uhr

Cornwall ohne Pilcher-Romantik

Cornwall
von Joakim Eskildsen (Fotos), Martina Wimmer (Text)
Vorgestellt von Guido Pauling

Hier ist die Welt zu Ende, könnte man denken, wenn man den Namen "Land's End" hört. Die kleine Landzunge liegt an der äußersten Spitze von Cornwall, dem südwestlichen Zipfel Englands. Viel Regen, mildes Klima, wenig Geld, weite Landschaft - so könnte man die Region in ein paar groben Schlagworten beschreiben. Seit einigen Jahren ist Cornwall von Touristen entdeckt worden, die die Einsamkeit und Natur lieben oder die sich von den Rosamunde Pilcher-Filmen anlocken ließen, die deutsche Fernsehteams dort gedreht haben.

Licht-Gedichte aus Nebel

Der aktuelle Bildband aus dem mare Verlag zeigt ein ganz anderes Bild von Cornwall. Der dänische Fotograf Joakim Eskildsen hat versucht, in seinen Bildern die Stimmung einzufangen, in die er gerät, wenn er die Strände und Straßen, die kleinen Orte und grünen Wiesen Cornwalls durchstreift. Es ist eine wunderbare, romantische Stimmung.

Die Poesie von Regen und Nebel

Nebel. Nichts, absolut gar nichts ist hier los. Die sanft abfallende Straße - leer bis an ihr Ende. Der einzige, der sich hier blicken lässt, ist der grau-weiße Nebel. Hängt farblos über dem Städtchen St. Just in Penwith. Sinkt nieder auf die Dächer der Häuser, hinter deren Fenstern nirgendwo ein Licht schimmert. Ein geparktes Auto ragt mit dem Heck aus einer Einfahrt hervor; ein zweites weit hinten am Straßenrand ist mehr zu ahnen als zu sehen. Nebel wabert über schwarzen Asphalt.

Ein ödes, ein karges - ein wunderbar ästhetisches Bild: voll scharfer Linien aus Dachschrägen, zwei langgezogenen weißen Bordsteinkanten, vertikalen Regenrinnen und Laternen. Jeder russische Konstruktivist wäre stolz auf so ein Gemälde gewesen.

Auf Joakim Eskildsens stimmungsvollen Fotografien ist der Himmel kaum einmal blau; milchig-weiß, neblig-verschwommen, grau-gedämpft lastet er über Land und Meer. "Cornwall war vor den Reisen für dieses Buch ein unbekannter Ort für mich", schreibt Eskildsen, "doch meine liebste Lichtstimmung ist dichter Nebel, und so hätte das Wetter (…) nicht besser sein können."

Regentropfen fallen hier schräg, vom Wind gepeitscht - doch die junge Frau am Pier in der altrosafarbenen Jacke kneift nur ein wenig die Augen zusammen. Der Müllkanister, auf dem sie sitzt, ist ihr Logenplatz mit Blick auf stahlgraue, wellige See. Regen klatscht ihr direkt ins Gesicht - und sie lacht!

Schlechtes Wetter? Ansichtssache

"Butter / Eggs / Cream" sagt die historische Aufschrift im Fenster des 1898 gegründeten Lädchens, vor dem Mutter, Tochter und Enkelkind mit ihren Plastiktüten kurz stehenbleiben, weil der Fotograf sie um ein schnelles Porträt gebeten hat. In gefütterten Halbstiefeln, wattierter Jacke und dunkel-gemustertem Schal die Mutter, ihre erwachsene Tochter und der Kleine auf Omas Arm tragen Flip-Flops und Sandalen; trotz Nebel und Niederschlag ist es hier mild.

Anders gesagt: Wegen des Nebels und des Niederschlags ist es hier schön. Auf fünf Reisen nach Cornwall hat Joakim Eskildsen genau diese Stimmung gebannt.

Ein Sonnenuntergang, der sich in einer Schlammpfütze spiegelt. Das verrostete, schief in den Angeln hängende Gartentor des verwilderten Friedhofs, von einem orange-leuchtenden Tau provisorisch verschlossen. Die absurd rot-blau-gelben Girlanden an der steinernen Hafenkante, die der Nebel einfach nicht schlucken kann, obwohl er doch Lagerschuppen und Häuser dahinter schon geschluckt hat.

Lyrik mit der Kamera

Eskildsen fotografiert nicht bloß, sondern schreibt Lyrik mit seiner Kamera; Licht-Gedichte aus Nebel, Melancholie und Landschaft. Mal geht er ganz nah heran wie an das schmucklose, alte Fenster eines Hauses in Liskeard, auf dessen Fensterbrett innen drei bunt-gefärbte Gläser neben zwei Plastik-Buchsbäumchen stehen. Keines passt zum anderen in Form und Größe, und doch hat jemand die Gläser zur Zierde abgestellt und dann die graue Gardine zugezogen, so dass sich der Fotograf und die Fassaden gegenüber kaum merklich in der Fensterscheibe spiegeln.

Mal steht er weit weg, fotografiert aus dem Zugfenster fast gegen die Sonne die weite, grüne, lichtüberflutete Hügellandschaft mit ihren winzigen Schafen.

Das Meer tost um wolkenverhangene Klippen. Der Wind drückt Baumkronen mit Gewalt in die Horizontale. Auf einem alten Friedhof blühen rosa Azaleen neben verwitternden Grabsteinen, auf denen sich manche Inschrift gerade noch entziffern lässt… "In trading memory of Grace Olivey, the beloved wife of Samuel Rundle, who died May 7th, 1894…”

Man spürt es beim Blättern: Joakim Eskildsen verwandelt mit seinen Bildern die herb-neblige Schönheit Cornwalls in Poesie.

Cornwall

von
Seitenzahl:
132 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
mare Verlag
Bestellnummer:
978-3-86648-296-8
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.02.2019 | 17:40 Uhr

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