Stand: 09.04.2018 18:20 Uhr

Eine aberwitzige Höllenfahrt

Im Feld
von Joachim Zelter
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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"Im Feld" ist auch eine Parabel auf die Liebe zum Überwinden von inneren und äußeren Grenzen.

Der 1962 in Freiburg geborene Schriftsteller Joachim Zelter ist begeisterter Radsportler. Aus dieser Passion hat er nun den Roman "Im Feld" gemacht, der wie eine Parabel auf unsere beschleunigte Gesellschaft wirkt.

Der Ich-Erzähler in diesem Roman zieht mit seiner Lebensgefährtin nach Freiburg, und noch ehe alle Farbeimer aus der Wohnung geräumt und alle Kisten ausgepackt sind, holt er sein neues Rennrad aus dem Keller und richtet es her:

"(...) fixierte die Laufräder, schraubte an Klickpedalen und ölte die Kette, füllte Wasserflaschen und holte aus der Küche einen Stapel Energieriegel. All das, was man so macht, wenn man sich auf eine längere Tour begibt." Leseprobe

Er hat von einem Radtreff des örtlichen Vereins gelesen, am Himmelfahrtstag, Gäste, Nichtmitglieder willkommen, um 10 Uhr am Heidegger Denkmal:

"Immer mehr Räder, die nun von allen Seiten auf uns zufuhren. Ein Heransurren von links, rechts, vorne, hinten. Fahrrad auf Fahrrad. Jetzt bereits eine beträchtliche Ansammlung und ich war mittendrin. Glänzende Räder, farbige Trinkflaschen, leuchtende Trikots und funkelnde Sonnenbrillen. Man beachtete mich nicht oder schaute nur auf mein Rennrad." Leseprobe

Über jede Schmerzgrenze hinaus

Die Fahrer werden in drei Gruppen eingeteilt. Der Ich-Erzähler, der seine eigene Belastbarkeit noch nicht einschätzen kann, gerät in die mittlere Gruppe, und es geht los. Es ist der Beginn einer aberwitzigen Tagesroute, die jedes Vorstellungsvermögen sprengt, über Berge mit Steigungen von 25 Prozent, und es werden, als die Höllenfahrt unter Anleitung eines legendären Rennradsportlers namens Landauer am Abend, nach unfassbaren Strapazen, zu Ende ist, weit über 300 Kilometer sein, die von der Gruppe gefahren wurden. Da waren Radsportbesessene unterwegs. In einer Epoche geboren, in der kein Pfad, keine Bergwand oder Wildwasserstrecke mehr als Erster oder Erste befahren werden kann, wird in manchen Disziplinen offenbar die Leistung, gemessen in Geschwindigkeit und Entfernung, in Rekordhöhen getrieben. Der Ich-Erzähler bleibt bis zum Schluss dabei, auch wenn es sich auf den letzten Kilometern bis nach Hause wie eine Art Nahtoderfahrung anfühlt. Unterdessen hat er einen Ausnahmemenschen kennengelernt: Landauer.

"Ein rollender Mensch. Einer, der fährt und immer weiterfährt. Und andere daran teilhaben lässt." Leseprobe

Am Anfang war Landauer noch gar nicht dabei. Man raunte nur von ihm, dass er kommen werde. Dann holt er auf, radelt von hinten mit seinem Assistenten Karl heran, mit Trillerpfeife, und übernimmt das Kommando. Treibt an, korrigiert, ermuntert, passt auf wie ein Hütehund auf die Gruppe, die er immer wieder umrundet. Übrigens nicht mit einem beeindruckenden Hersteller auf dem Rennradrahmen, sondern fast mit einem normalen Tourenrad mit dicken Reifen. Er lotet die Leistungsfähigkeit aus, erhöht den Druck, ohne selbst die Freude an dieser sehr preußischen Form von Meditation zu verlieren. Und alle folgen ihm, seinem Charisma und seiner Stärke, über jede Schmerzgrenze hinaus.

Mit angehaltenem Atem

Das ist atemberaubend beschrieben, und weil die Versuche, menschliche Leistungsmöglichkeiten immer weiter zu steigern, nicht nur im Radsport zu finden sind, liest man das Buch auch zum Beispiel als schlichte "Hollandradmutti" mit angehaltenem Atem. Eine Parabel auf unsere modernen Ablenkungsmanöver vom wirklich Wichtigen, aber auch auf die Liebe zur Bewegung und zum Überwinden von inneren und äußeren Grenzen. Das Fahrrad des Ich-Erzählers bleibt nach diesem Abenteuer für eine ganze Weile im Keller. Aber er hat es einmal geschafft, weit über sich und bisherige eigene Möglichkeiten hinaus zu wachsen.

Im Feld

von
Seitenzahl:
158 Seiten
Verlag:
Verlag Klöpfer & Meyer
Bestellnummer:
978-3-86351-461-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.04.2018 | 12:40 Uhr

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