Stand: 04.11.2019 12:50 Uhr  - NDR Kultur

Familienfest mit schwierigen Gästen

Wir waren eine gute Erfindung
von Joachim Schnerf, aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Bei uns kennt man ihn noch nicht, aber in Frankreich wurde er bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet: Joachim Schnerf. 1987 in Straßburg geboren, beweist er nun mit "Wir waren eine gute Erfindung" Gespür für Tragik und für Komik.

Joachim Schnerf: "Wir waren eine gute Erfindung" (Cover) ©  Kunstman
Nach dem Tod der Ehefrau, ist die Familienfeier für den Vater eine schwierige Aufgabe.

Es ist ein Familienroman, der von einem jüdischen Familienfest erzählt. Zum traditionellen Sederabend kommen alle Kinder und Kindeskinder zusammen ins Elternhaus, wo nach strengen religiösen Regeln gefeiert wird und sich Jahr um Jahr das Absurditätenalbum der Familie mit weiteren Anekdoten füllt. Übrigens sind es Verhaltensmuster innerhalb der engsten Familie, die man mühelos auf eine christliche Weihnachtsfeier mit anhängender Klein- oder Großfamilie übertragen könnte.

Erstes Familienfest ohne die verstorbene Mutter

In dieser Familie ist in diesem Jahr nun alles anders. Salomon ist Witwer geworden, seine über alles geliebte Frau Sarah hatte bisher immer durch ihre feine Nachsicht und unauffällige Geduld alles zusammengehalten und ausgeglichen. Salomon denkt in den Stunden, bevor alle eintreffen werden, an diese Sederabende, die sie miteinander verbracht haben.

Dann kommen alle: die Enkeltochter mit einem Palästinensertuch, die Tochter mit ihren gefürchteten Wutanfällen, der konfliktscheue Schwiegersohn ebenso wie die zweite Tochter mit ihrer Familie. Als Sarah noch lebte, war es leichter, sie nahm zuerst den Schwiegersohn beiseite, um sich mit ihm zu abzusprechen. 

"Sarah hatte eine sehr treffende Sicht auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten, sie konnte jede Reaktion vorhersagen, von den zurückhaltenderen bis zu den cholerischsten. Sie besprachen vor allem ihre Erfahrungen mit Michelle, die Ursachen für ihre Ausfälle, und die Schlachtpläne, um sie in ruhigere Bahnen zu lenken. Stets erkundigte sich Sarah: Hatte Michelle gut geschlafen? Wann war sie von der Arbeit zurückgekommen? Wie viele Outfits hatte sie anprobiert? Und hatten die Kinder sie schon an den Rand ihrer Kräfte gebracht?" Leseprobe

 Alle haben ihre Macken

Es ist schon erstaunlich, dass fast jede Familie solche Mitglieder hat, vor deren Launen sich alle anderen fürchten, darauf Rücksicht nehmen, obgleich sie sich terrorisiert fühlen. Familienvater Salomon geht hingegen den anderen mit seinen KZ-Witzen auf die Nerven:

"'Wisst ihr was in Sobibor am Eingang der Gaskammern stand? Achtung Stufe.' Ich lachte und lachte. 'Und wisst ihr, warum am Eingang zu den Duschen in Treblinka zwei Türen waren?' 'Opa ...'" Leseprobe

Salomon weiß sehr wohl, dass er in der Familie nicht ankommt mit seinen jüdischen Witzen, die den Schrecken vertreiben sollen, aber es hindert ihn nicht daran, sie zu erzählen. Er denkt an seine Sarah und daran, dass innerhalb der Familie kleine Bemerkungen seelische Tornados und Verletztheit auslösen können. Als seine Tochter Michelle ihr zweites Kind, einen Sohn, bekam, ging Sarah damals ins Krankenhaus, um der Tochter zur Geburt zu gratulieren.

"Als Sarah ihr auf der Entbindungsstation anvertraut hatte, dass sie sich immer einen Sohn gewünscht habe und dieser wunderbare Tag nun gekommen sei, war Michelle vor Wut explodiert. 'Es ist nicht dein Sohn, verstehst du das, Mama? Und wir, Denise und ich? Sind wir nur Kinder zweiter Klasse?'" Leseprobe

Zeit der Trauer

Daran, das weiß Salomon, hatte seine Sarah schwer zu schlucken. Und er selbst fragt sich: "Werde ich ewig trauern? Erstickt zwischen der Vergangenheit und dem Leben. Wie soll ich diese Wüste ohne dich durchqueren?"

Aber da sind auch die beiden Enkel, die Augensterne ihrer armen Großmutter. Einer der beiden sagt: "Du musst schlafen, Opa. Gute Nacht, träum schön."

Das wird Salomon tun. Er hat den Sederabend zelebriert, als Oberhaupt der Familie, ohne seine geliebte Sarah und nun ist es geschafft.

Wir waren eine gute Erfindung

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Antje Kunstmann
Bestellnummer:
978-3-95614-315-1
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.11.2019 | 12:40 Uhr

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