Joachim Schmeisser: "Die letzten ihrer Art" © Joachim Schmeisser / teNeues

Joachim Schmeisser: "Die Letzten ihrer Art"

Stand: 16.09.2021 12:39 Uhr

Afrika ist ein Heimat der größten und für viele schönsten Wildtiere des Planeten. Joachim Schmeisser begann schon 2009 mit einer Fotoserie über die Tiere Ostafrikas.

Joachim Schmeisser: "Die letzten ihrer Art" © Joachim Schmeisser / teNeues
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von Peter Helling

Der Fotograf hat nun einen Bildband mit einer eindringlichen Mahnung veröffentlicht: Wunderschöne Bilder von Tieren, die man leider als "Die Letzten ihrer Art" nennen muss.

Die grandiose Schönheit bedrohter Tiere

Giraffen, Nashörner, Elefanten, Berggorillas, Löwen, Leoparden, Geparden: Joachim Schmeisser fotografiert sie in Schwarzweiß, zeigt schrundige Haut, zeigt Narben, verklebtes Fell. Er zeigt eine drohende Lücke. Schon das erste doppelseitige Bild ist ein Statement: die Silhouette eines Affenbrotbaums, im Hintergrund eine düstere Bergkette. Ansonsten leere Landschaft unter einem bedrohlichen Gewitterhimmel. Kein Tier in Sicht.

"Eine visuelle Botschaft mit dem Ziel, unseren getrübten Blick auf die eine, unendlich komplexe und verletzbare Natur zu schärfen und zu erkennen, welche Schätze wir unwiederbringlich verlieren könnten", warnt der 1958 geborene Fotograf im Vorwort. Für ihn hat das sechste große Artensterben der Erdgeschichte längst begonnen, 150 Arten verschwinden jeden Tag, schreibt er. Damit löse sich das feine Gewebe des Lebens auf, unwiederbringlich.

Nur wenig Text ergänzt die aussagekräftigen Fotos

Der beinahe kontemplative Bildband enthält nur wenige Texte, Würdigungen zum Beispiel, Gedichte, etwa von Amanda Gorman, die weltbekannt wurde durch ihren Auftritt bei der Vereidigung von US-Präsident Biden Anfang des Jahres.

In a fable,
six blind men explore
The body of an elephant
With their fingertips Amanda Gorman

Daneben das Foto eines der Tiere, deren Silhouette so vertraut scheint wie der Anblick eines alten Freundes. Ein Elefant, frontal. So vertraut, dass man beinahe vergisst: Es gibt ihn auch, ganz real, noch. Denn zwischen 25.000 und 30.000 der Tiere fallen jedes Jahr der Wilderei zum Opfer, erfährt man hier.

Die emotional aufgeladenen Fotografien zapfen ein Wissen an, das jeder Mensch instinktiv besitzt: dass wir nicht allein sind auf der Erde. Und die Furcht: dass wir es bald sein könnten. Eine erschreckende Vorstellung.

Das Artensterben hat schon begonnen

Man sieht das Löwenquartett der "Vier Musketiere", Kenias mächtigstes Löwenrudel, wie es sich ins hohe Gras legt, Witterung nimmt. Einer von ihnen ist Scarface, mit üppiger Mähne und beinahe gelassenem Blick in die Ferne.

Er ging schwer humpelnd ein paar Schritte und legte sich dann an den Rand der Klippe, um den Sonnenunterhang zu beobachten - fast so, als wäre es das letzte Mal. Leseprobe

Auf einer Seite scheint ein Nashorn direkt aus dem Foto zu trampeln. Oder fünf Geparden, die im Verbund jagen. Ihre gespannten Körper kurz vor dem Losschnellen ragen wie Statuen aus der Savanne. Dann "Big Tim", ein sanfter Riese. "Ich traf ihn zum letzten Mal in 2019, als er nur wenige Meter an mir vorbeiging", erinnert sich Schmeisser. Ein Elefant, um den 2020 ganz Kenia trauerte, als er eines natürlichen Todes starb.

Schwarzweiß-Fotos vermitteln ein Gefühl der Vergänglichkeit

Die Fotografien vermenschlichen die Tiere aber keineswegs, wahren respektvolle Distanz. Dass sie schwarzweiß sind, erzeugt einen besonderen Effekt: als gehöre diese ganze Welt hier bereits der Vergangenheit an.

So ist der Genuss beim Durchblättern ambivalent. Nein, man denkt nicht sofort: "Auf nach Afrika!" Im Gegenteil, der erste Eindruck ist: Lasst sie in Ruhe leben. Die Motive wirken manchmal wie erstarrt, zeigen keine Postkartenidylle à la "Jenseits von Afrika". Der Himmel über der Ebene ist aus hellem Grau. Beinahe ängstlich wirkt der Blick eines Berggorillas. Mit hochgezogenen Schultern blickt er aus dem Urwaldgestrüpp direkt in die Kamera.

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Lebensraum der Gorillas stark geschrumpft: mit 770 Quadratkilometern ist er nur noch etwa so groß wie Hamburg. Leseprobe

So liefert der großformatige Bildband fast nebenbei interessante wie niederschmetternde Fakten. Vor allem aber: Joachim Schmeisser, der vielfach ausgezeichnete Fotograf, fängt den Blick der vielleicht schönsten Tiere der Erde ein - und wirft ihn auf uns zurück.

Die Letzten ihrer Art

von Joachim Schmeisser
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
28,4 x 3 x 34,8 cm, Hardcover
Verlag:
teNeues
Bestellnummer:
978-3961712809
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.09.2021 | 17:40 Uhr

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