Stand: 05.01.2018 16:00 Uhr  | Archiv

Jeanne Mammen - Chronistin der 20er-Jahre

von Martina Kothe

Wie es mitunter geschieht, lebt man sein Leben so vor sich hin, kennt diese und jene Künstler. Dennoch entschlüpfen einem viele, die ungesehen, unbeachtet, ungehört ihr Werk vollenden, ohne dass die an dieser Stelle gern bemühte "breite Öffentlichkeit" Anteil nimmt. So oder so ähnlich mag es Ihnen jetzt gehen, wenn Sie den Namen Jeanne Mammen lesen. Hmmmm, mögen sie einwenden, da hab ich doch kürzlich etwas gesehen, gehört, gelesen. Ist das nicht eine Berliner Künstlerin? Richtig, in Berlin lebte und arbeitete die 1890 geborene Malerin, Zeichnerin und Bildhauerin.

Die Berlinische Galerie ehrt Jeanne Mammen mit einer großen Retrospektive. Wer aber war diese Frau und was für ein Leben hatte sie und vor allem, was für eine Kunst schuf Jeanne Mammen? Antworten auf all diese Fragen gibt der im Hirmer Verlag erschienene Katalog zur Ausstellung.

Reise durch ein künstlerisches Leben

Ach ja, die 20er-Jahre. Liegt es an den sich nähernden 2020ern, oder sind wir einfach immer von Sehnsucht erfüllt, nach dieser Zeit, in der so viel mehr möglich war, als in den Jahrzehnten, die folgten? Mit diesem sehnsuchtsvollen Auge wurde in der Vergangenheit auch das Frühwerk von Jeanne Mammen gesehen. Mit einem Blick, der sich in den klaren Linien, in der Frivolität, in der Farbigkeit erging.

Was für ein Hut! Möchte man beim Bild "Die Großstadt" ausrufen. Auf einer in Blau und Schwarz, mit Strass-Steinen gearbeiteten Kappe sitzt eine wahrhaft riesige Fontäne aus gelben Federn. Das Gesicht der Trägerin lugt kokett-gelangweilt im unteren Drittel des Bilds unter dem gigantischen Ungetüm hervor. Als wollte sie sagen: "Is nich bequem, aber trägt ma jetzt so!"

Hinter ihr - auch nur teilweise erkennbar - da von Federn aus dem Blatt geweht, ein feiner Herr mit Zylinder, die Augen auf den Boden gerichtet. Den Hintergrund bilden Brücken und Hochstraßen, erleuchtete Fenster in allen Farben, zu bunten Lichtkreisen verschwimmende Straßenlaternen. Über allem die schmale Sichel des Mondes, eingezwängt zwischen Hochhaus und Hochbahn.

Strahlende Aquarelle

Ein umwerfendes Bild - ein umwerfendes Aquarell! Besonders diese Technik enthebt Jeanne Mammen ihrer verschwommen-subtilen Farbigkeit. Bei ihr strahlt die Farbe. Sie sieht genau hin. Zeichnet und überzeichnet das Treiben der Menschen in Cafés und Clubs. Ihre Arbeiten für Zeitschriften und ihre Illustrationen fallen auf, so dass Kurt Tucholsky in der Weltbühne 1929 in der Rubrik "Antworten" an Jeanne Mammen schreibt: "Ihre Figuren (…) sind anmutig und dabei herb, und sie springen mit Haut und Haaren aus dem Papier."

Die Künstlerin selbst sah die in dieser Zeit entstandenen Zeichnungen und Aquarelle stets kritisch, befand, es sei bloße Gebrauchsgrafik gewesen. Das stimmt, aber nur zum Teil. Ihrem genauen Blick konnte nichts entgehen. Nicht die gelangweilten Gesichter der Männer, nicht die Anmut oder mitunter die Kratzbürstigkeit der Frauen.

Überleben im Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sieht sich Jeanne Mammen das zweite Mal in ihrem Leben vor dem Nichts. Schon als ihre Familie Paris 1914 hatte verlassen müssen, hatte sie sich schwer getan mit der neuen, alten Heimat Berlin. Sie entscheidet sich zu bleiben, auch wenn viele ihrer engsten Freunde ins Ausland flüchten. Sie flüchtet in ihr Inneres und malt weiter. Zwölf Jahre stellt sie nichts aus. Wäre ihr Atelier am Kurfürstendamm zufällig durchsucht worden, hätte man dort das gefunden, was die Nazis als "entartete Kunst" bezeichneten.

1937 fährt Jeanne Mammen nach Paris, um Pablo Picassos "Guernica" zu sehen. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit dem Futurismus und dem französischen Kubismus.

"Trompetender Hahn" um 1943-45 - mit Tempera auf Pappe gemalt, leuchtend, klar umrissene, von dunkler Farbe eingerahmte Formen stapeln sich hier. Der Hahn sperrt seinen roten Schnabel auf - die Trompete steckt darin, als wollte sie ihn ersticken. Daneben, in Blau und Grün, eine gebeugte Gestalt mit Hörnern auf dem Kopf, weiter unten ein Maul, aus dem eine Zunge hängt.

Verdiente, aber späte Würdigung

Was für Formen. Was für eine malerische Wucht, die die Künstlerin in diesen Jahren des inneren Exils entfaltet. "Warum wissen wir erst jetzt von ihr?", möchte man rufen. Doch auch nach dem Krieg, als Jeanne Mammen wieder zeichnete, malte, Bühnenbilder für das Berliner Kabarett "Die Badewanne" schuf, war sie nie eine ganz Unbekannte.

Nun endlich erfuhr ihr Lebenswerk die verdiente Würdigung, auch wenn Jeanne Mammen nicht sonderlich viel mit der gesteigerten Aufmerksamkeit anfangen konnte. So schrieb sie 1975 einem Freund: "(…) auf einmal kümmert sich alle Welt um mich als wenn ich ein Genie wäre, will Bilder in diverse Museen buxieren, Lebensläufe, Bücher, Fotos vom Atelier und sonstwas für späten Unsinn machen…"

Für alle, die Jeanne Mammen noch nicht kannten, ist dieses Buch eine Entdeckung. Sehr detailliert gestaltet, mit persönlichen Fotografien der Künstlerin und ihres Wohnateliers, mit unterschiedlichsten Aufsätzen, unter anderem von der Kuratorin und Mammen-Kennerin Annelie Lütgens, nimmt es mit auf eine Reise durch ein künstlerisches Leben, das man nicht mehr vergessen wird.

Jeanne Mammen. Die Beobachterin

Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Beiträgen von K. Aurich, J. Bertschik, G. Kühnast, Th. Köhler, A. Lütgens, S. Mainberger, E. Scharrer, D. Schöne, J. Schubert, C. Smith, C. Thiele, G, Wolter - 327 Abbildungen in Farbe - 23 x 27 cm, gebunden
Verlag:
Hirmer Verlag
Preis:
45,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.01.2018 | 17:40 Uhr

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