Stand: 20.11.2019 14:19 Uhr

Nach Kalifornien, um über Schnee zu forschen

von Lisa Kreißler

Jan Wilm haben wir es zu verdanken, dass die klugen innovativen Texte der amerikanischen Denkerin Maggie Nelson auf Deutsch bei uns zu lesen sind. Jetzt debütiert der 1983 geborene Literaturwissenschaftler und Übersetzer selbst mit einem Roman, seinem "Winterjahrbuch". Schon im Titel ruft Jan Wilm die Motive seines sehr persönlichen Forschungsanliegens auf: Es geht um Schnee, Zeit und die Fiktion.

Jan Wilm: "Winterjahrbuch" © Schöffling & Co.
Verlorene Liebe, Einsamkeit und Tod sind die Themen dieses Romans.

Als der Erzähler in "Winterjahrbuch" mit Namen Jan Wilm waidwund vor Liebeskummer in L.A. ankommt, um ein Forschungsstipendium anzutreten, regt sich beim Leser schnell eine Stimme, die fragt: Noch so ein zynischer-hochsensibler Typ, der über viele Hundert Seiten seine Schwächen vor uns ausbreitet?

Ein Roman über Einsamkeit

Hat Karl Ove Knausgård das nicht ein für alle Mal erledigt? Nein, denn Jan Wilms autofiktionaler Roman ist keine ausufernde Alltagsdokumentation, sondern eine fein gearbeitete Komposition. Bis in die Mikroebene der einzelnen Sätze strömt die kalte These von der Einsamkeit des Menschen.

"Trotzdem lächelst du auf dem Bild, deine Zunge leicht an die Zähne gelegt, und wenn man das Foto bis zum Ende hin vergrößert, meint man, auf deinen Zähnen das orchideenweiße Licht des Tages zu erkennen, und zu Pixeln zerlegt, sieht man in deiner Sonnenbrille zweimal auch mich, vor meinen Augen mein Telefon wie ein schwarzer Anonymisierungsbalken." Leseprobe

Der Erzähler wurde verlassen von diesem "du", das scheinbar der einzige Hafen in seinem Leben war. Er flieht nach L.A., um ein Buch über den Schneefotografen Gabriel Gordon Blackshaw zu schreiben.

Das Interesse an Schnee nimmt ab

Am Getty Institute sitzt er über den Tagebüchern dieses rätselhaften Einsiedlers und versucht sich mühsam an einer ganzheitlichen Ausdeutung des Phänomens Schnee: Schnee als Wetter. Schnee und Wüste. Der Schnee der Kindheit. Kaffeeweißerschnee. To snow, ein Verb, das im Englischen auch "täuschen" bedeutet. Schnee als das weiße Blatt. Schnee als Metapher für die Vergänglichkeit:

"Weil aber der Schnee und das Meer zwei Zustände desselben Materials sind, bleibt die Frage offen, ob auch die Abwesenheit, das Fortsein eines Menschen, der aufgestanden und gegangen ist, vielleicht doch auch nur ein anderer Zustand dieses Menschseins sein kann." Leseprobe

Sein Interesse für den Schnee nimmt ab, je mehr er ankommt in der Stadt der Filme und Fiktionen; vielleicht war es von Anfang an nur geheuchelt. Besser geht es ihm nicht. Er siecht in einem deprimierenden Kreislauf aus Flanieren, Analysieren, Zitieren, Saufen, Streamen und Masturbieren vor sich hin.

Sein Trieb führt ihn zu sexuellen Begegnungen mit Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefallen. Die Sexszenen sind schwer zu ertragen, denn sie transportieren den Ekel, den er vor den Frauen empfindet, beinahe körperlich. Aber die Wut, die in diesen Momenten beim Lesen anschwillt, ist kalkuliert. Am allermeisten verachtet der Erzähler nämlich sich selbst.

Auch die neue Liebe wird verschwinden

Im Herbst seines L.A.-Jahres lernt er Ada kennen und verliebt sich in sie. Aber in seiner Hyperreflexion bangt er selbst in den schönsten Momenten nur um ihr Schwinden. An ihrem letzten Morgen verstreuen die beiden Kunstschnee am Strand.

"Ada, du breitest jetzt ebenfalls kurz die Arme aus, bevor der Wind wieder einsetzt und den Flockenwirbel über dich hinwegfegt, und hinter dem Brandungsrauschen höre ich euch beide bis heute lachen." Leseprobe

Die Liebe lässt sich nicht mitnehmen nach Deutschland, als das Winterjahr zu Ende ist. Er ging als Verlassener und bleibt ein Verlassener. Und dass das Verlassensein von einem viel größeren Verlust herrührt, dem Verlust beider Eltern nämlich, entblättert Jan Wilm am Ende des Romans behutsam, fast ängstlich.

Der Tod der Eltern, dieses heikle Thema, das sich nur so schwer literarisieren lässt. Barthes, Handke, Bernhard und Annie Ernaux haben sich daran versucht. Jan Wilm erzählt davon, indem er das Ereignis in seinem langen sezierenden Text ausspart, eine Leerstelle, weiß wie Schnee.

Winterjahrbuch

von Jan Wilm
Seitenzahl:
456 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-497-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.11.2019 | 12:40 Uhr

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