Stand: 06.08.2019 12:40 Uhr

Abgründe eines Moralisten

Ein anständiger Mensch
von Jan Christophersen
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Was geschieht, wenn eigene Wertvorstellungen auf die Probe gestellt werden?

Treffen sich zwei Paare und verbringen gemeinsam ein Wochenende - das ist zugegebenermaßen keine besonders originelle Ausgangssituation, die der in Flensburg geborene, jetzt in Kappeln lebende Autor Jan Christophersen für seinen neuen Roman gewählt hat. Irgendwie glaubt man, das schon tausend Mal gelesen oder im Film gesehen zu haben und deshalb zu wissen, dass das nicht gut ausgehen kann. Zumindest nicht im Buch oder im Film. Lässt man sich aber trotzdem auf "Ein anständiger Mann", das neue Buch von Jan Christophersen, ein, dann entwickelt es einen Sog, dem kaum zu entkommen ist.

"Eins passierte nach dem anderen. Wie hätte es auch anders sein können? Die Gegenwart, in der wir uns befanden, wusste nicht, was nach ihr kam, und der Scheinwerfer der Erinnerung leuchtete noch nicht mit seinem voreingenommenen Licht die Szene aus. Erst geschah dies, dann das. Und in jenem Jetzt und Hier saßen meine Frau und ich nebeneinander im Auto. Zeit: ein Freitagvormittag Ende September, kurz vor zehn Uhr; Ort: der Parkplatz an unserem kleinen Inselhafen. Ein frühherbstlicher Windhauch wehte Salzluft durch mein heruntergekurbeltes Seitenfenster." Leseprobe

Im Hier und Jetzt bekommen Frauke und Steen in ihrem Ferienhaus auf einer kleinen dänischen Insel Besuch von Freunden. Frauke, Psychologin aus Hamburg und Steen, ihr Mann: "kein echter Philosoph, aber auch kein echter Ratgeberautor, sondern irgendwas in der Mitte", wie seine Frau es einmal ausdrückt - "der Anstandsonkel der Nation."

Protagonist ist Richard David Precht nachempfunden

Anstand ist Steens Hauptthema, das seinen Büchern immer wieder enorme Auflagen und ihm selbst regelmäßige Talkshow-Auftritte im Fernsehen beschert.

"Was ich meine, wenn ich von Anstand rede, ist Aufrichtigkeit, moralisches Wohlverhalten, das nicht nur für einen selbst gilt, sondern für jeden gelten könnte. Am Ende geht es vor allem darum, dass wir mit dem, was wir tun, leben können. Das Ganze ist eine Art Instanz, vor der wir unser Handeln beurteilen können. Der Einfachheit halber sage ich dazu Anstand." Leseprobe

Dieser "anständige" Mensch - eindeutig Popularphilosoph Richard David Precht nachempfunden - und seine Frau erhalten also Besuch in Steens Häuschen, seinem dänischen Arbeitsdomizil, seinem Fluchtpunkt.

Brodelnder Pärchentreff im Inselidyll

Die Gäste: Ute, eine alte Bekannte, vielleicht sogar Freundin, vor allen aber seine Verlagsvertreterin. Sie kommt zusammen mit Gero, ihrem aktuellen Lebensgefährten, einem IT-Spezialisten aus Rostock. Sie segeln mit dessen Jacht zur Insel, einem beeindruckenden Pott, wie Steen findet. Vor allem aber findet er ihn großkotzig. Wir erfahren das alles von Steen selbst, denn er ist der Ich-Erzähler in dieser katastrophischen Quadriga, die sich da im Inselidyll bildet: zwei Alphamännchen in betont höflicher Lauerstellung, doch ständig zum Sprung bereit. Zwei Frauen, die ihre balzenden Kerle durchschauen und belächeln, aber vorsichtshalber doch genau beobachten.

"Das war er also, der Moment davor. In der Rückschau lässt sich das genau bestimmen. Was sich danach ereignete, war bereits Teil jener Geschichte, die sich zu entspinnen begann. Unserer Geschichte, meiner Geschichte." Leseprobe

So ist das "Davor", sind die ersten 211 Seiten, auf denen mehrfach Ungemach droht: Da kritisiert ein Kollege und vermeintlicher Freund Steen öffentlich als philosophisches Leichtgewicht. Da fliegt eine alte Wette zwischen Ute und Steen auf, die ihn durchaus in einem zweifelhaften Licht dastehen lässt. Doch da ist der selbstverliebte Gebrauchsphilosoph wie aus Teflon!

Eine folgenschwere Offenbarung

Wirklich getroffen ist der "Anstands-Onkel" von der Offenbarung seiner Frau - kurz bevor sie alle vier zusammen zum Pilzesuchen gehen -, dass sie gerne einmal mit Gero, ihrem Gast, Sex haben würde.

"Ich sage nichts, für mich gibt es darauf nichts zu sagen, denn natürlich erinnere ich mich. Es ist zwar Ewigkeiten her, kaum noch wahr, aber damals - ganz zu Anfang unserer Beziehung - hatte ich tatsächlich Frauke gegenüber einmal voller Großmut verkündet, dass wir beide uns unbedingt alle Freiheiten nehmen sollten, die wir für nötig erachteten. Das Leben sei kurz, warum sich einschränken, Freiraum für Experimente müsse zwischen uns selbstverständlich sein ..." Leseprobe

Jetzt wird Realität, was Martin Walser im "fliehenden Pferd" vor gut 40 Jahren und Nobelpreisträger Dario Fo vor 35 in seiner Tragikomödie "Offene Zweierbeziehung" schon so ähnlich beschrieben haben: Beziehungen im Luftigen droht Durchzug.   

Ein sich bahnbrechender Urinstinkt

Es sind die Momente, in denen das Unglück beginnt, das ihrer aller Leben grundlegend verändert. Für immer. Auch und gerade das des ach-so-selbstsicheren Steen. Ihm, dem "anständigen Mann", unterläuft, verstört und blind vor Eifersucht wie er ist, ein fataler Fehler mit weitreichenden Folgen. Oder ist es Vorsatz? Und er stellt sich die Frage nach Schuld und Verantwortung zu Recht? Jan Christophersen vermengt viel in seinem - im besten Sinne - unterhaltsamen dritten Roman: das Porträt eines selbstgefälligen Genies, das Sittengemälde eines aus Revolutionsfantasien herausgewachsenen bürgerlich-linksintellektuellen Milieus der "Anständigen", die Parodie auf so etwas wie Streitkultur in der modernen Mediengesellschaft. Filmreif! Aber eine Verfilmung dürfte auch nicht lange auf sich warten lassen. Einen Zuschauer hätte sie sicher!

Ein anständiger Mensch

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
mare Verlag
Bestellnummer:
978-3-86648-607-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.08.2019 | 12:40 Uhr

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