Iwan Bunin: "Leichter Atem" (Cover) © Dörlemann

"Leichter Atem": Erzählungen von Iwan Bunin 1916–1919

Stand: 21.10.2020 10:36 Uhr

1933 wurde Iwan Bunin der Literatur-Nobelpreis zuerkannt. "Mit strenger Kunstfertigkeit führt er die große russische Erzähltradition fort." So begründete die schwedische Akademie ihre Entscheidung.

von Alexander Solloch

Er war der erste Russe, dem diese Ehre zuteil wurde. Heute allerdings gehört das Wirken des Schriftstellers, der vor 150 Jahren geboren wurde, nicht mehr zu den wesentlichen Themen der Gespräche an literarischen Stammtischen.

Ob die Bunin-Gesamtausgabe des Schweizer Dörlemann-Verlags daran etwas ändern kann? Gerade ist unter dem Titel "Leichter Atem" ein Band mit Erzählungen erschienen.

Bunin schrieb diese Erzählungen unmittelbar vor der Russischen Revolution

Weil Iwan Bunin ein sehr leserfreundlicher Autor ist, drückt er uns den Schlüssel zum Verständnis seiner Welt gleich bereitwillig in die Hand: "Ist es nicht einerlei, über wen man erzählt? Dies verdient ein jeder, der auf Erden lebt und gelebt hat."

Ein schönes Credo, dem sicher jeder gern mit wohligem Gefühl zustimmt. Die Frage ist dann nur, wohin diese Erkenntnis führt; bei Bunin ist es nämlich schnell mit der Wohligkeit vorbei. Mit schmerzlicher Konsequenz hält er sich an sein Wort und nimmt sie alle unter die Lupe, alle, die auf der Welt Spuren hinterlassen, indem sie immer noch irgendwie einen Rest an Würde in den nächsten Tag hinüberzuretten versuchen.

Bunins Geschichten handeln von ganz unterschiedlichen Menschen

Madame Mareau zum Beispiel, die Schweizer Dame, die in der algerischen Stadt Constantine zur besseren Gesellschaft gehört, ehe sie sich unsterblich, nein sterblich, zutiefst sterblich in einen Jüngling verliebt, der uns hinterher, als alles vorbei ist, erzählt:

Sie lag ruhig da und in ihrem erloschenen Blick war eine bittere Glückseligkeit. Ihre Haare waren gelöst, der Schildpattkamm lag am Boden. Schwankend stand ich auf, um meinem Leben ein Ende zu machen. Doch im Zimmer war es trotz der Jalousien hell, und in diesem Licht und in der plötzlich eingetretenen Stille sah ich deutlich ihr schon bleich gewordenes Gesicht. Da packte mich unvermittelt der Wahnsinn. Leseprobe

Oder Sokolowitsch, ehemaliger Seemann, der mit ein paar Lumpen am Leib und mit düsterer Miene durch die Stadt schlendert, hier und da in einer Spelunke Platz nimmt, Pfeife rauchend, müßiggängerisch, frei.

Lewtschenko, der ziemlich schnell betrunken war, fuhr ihn einmal an:
"Sie sind mir einer! Wir spendieren Ihnen was, warum beteiligen Sie sich nicht mal am Gespräch, statt nur an ihrer verräucherten Pfeife zu kauen?"
Sokolowitsch wies ihn ruppig, aber beherrscht zurecht:
"Schreien Sie nicht herum, wenn ich bitten darf! Das geht mir auf die Nerven. Ich habe Ihnen schon des Öfteren gesagt, dass Alkohol mir kein besonderes Vergnügen verschafft. Mein Geschmackssinn ist unterentwickelt. Ich bin gewissermaßen eine Missgeburt. Verstanden?" Leseprobe

Meisterhafte Landschafts- und Stadtbeschreibungen

Viel spielt sich bei Bunin in Kneipen ab, aber irgendwie müssen die, von denen er erzählt, ja überhaupt erst da hinkommen; diesen Umstand nutzt er für meisterliche Landschafts- und Stadtbeschreibungen, für Beschreibungen von Gerüchen, Geräuschen und Atmosphären.

Es war noch vollkommen dunkel und still, doch in der Dunkelheit und Stille spürte man bereits den nahen Morgen. Über der ganzen Weite ringsum, über der ganzen gigantischen Brutstätte der noch schweigenden Hauptstadt hing das dumpfe, ferne Gedröhne der Fabriken, die das unermesslich große arbeitende Volk aus all seinen elenden Behausungen riefen. Leseprobe

Sie alle, die da müde und zerschlagen immer wieder neu ums bisschen Leben kämpfen, haben eine Geschichte, die erzählt zu werden verdient, natürlich auch der Hund Chang, ein Trinker wie sein Herr, der verzweifelt die eine Wahrheit im Leben sucht. Wie dem Hund dann etwas zutiefst Trauriges zustößt, das bringt das Herz des Lesers in Aufruhr wie eine Flasche schweren, guten Wodkas. Keine Ahnung, was die eine Wahrheit wirklich ist; aber die zweite lautet, welch Glück, dass es diese Geschichten gibt!

Leichter Atem

von Iwan Bunin, aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Grob
Verlag:
Dörlemann
Bestellnummer:
9783038200734
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.10.2020 | 12:40 Uhr

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