Stand: 14.09.2020 15:27 Uhr

Briefe über das kurze Glück von Hans Fallada

von Annemarie Stoltenberg

Es war sein vierter Roman, der ihn 1932 schlagartig berühmt machte: "Kleiner Mann - was nun?" erschien unter dem Pseudonym Hans Fallada. Von dem unerwarteten Geldsegen durch den Bucherfolg konnte sich Rudolf Ditzen einen Traum erfüllen. Er kaufte ein Anwesen in Carwitz, Mecklenburg. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens dort mit seiner Frau Suse und seinen Kindern auf dem Land, denn Rudolf Ditzen hatte eine sehr schwierige Biografie mit etlichen Tragödien. Jetzt, aus Anlass des 75. Geburtstags vom Aufbau Verlag, erscheinen Briefe, die er aus Carwitz an seine Kinder geschrieben hat. Erschienen unter dem Titel: "Meine lieben jungen Freunde".

Cover des Buches "meine lieben jungen Freunde" von Hans Fallada © Aufbau Verlag Foto: Aufbau Verlag
In Falladas Briefen an seine Kinder versucht er, ihnen sein Leben zu erklären.

Doch, machen Sie das: Schauen Sie in die alten Schuhschachteln, Kisten und Schrankfächer, in denen die Briefe aufbewahrt sind, die man sich in Ihrer Familie früher geschrieben hat und überlegen Sie, was man damit tun könnte. Dann vergleichen Sie sie ruhig mit den SMS-Nachrichten, den Mails und WhatsApps von heute. Ich glaube, dass man diese Innigkeit und Offenheit der alten Briefe, in denen man ja auch zwischen den Zeilen lesen können sollte, nicht mehr hat. Fallada schreibt seiner Tochter:

Mein liebes Mückchen, wenn ich diese Zeilen schreibe, ist die Mummi schon in Berlin, und wenn Du diesen Brief liest, ist ihr Besuch schon wieder vorüber, und sie ist auf dem Heimweg nach Carwitz, wo wir sie ja alle sehr nötig brauchen. Leseprobe

Sehnsucht nach seinen abwesenden Kindern

Allein diese Sehnsucht, mit der Briefe, die bekanntlich mehrere Tage unterwegs waren, erwartet wurden. So sehr Rudolf Ditzen, sagen wir doch Hans Fallada, das macht es leichter, das Landleben liebte, so fand er doch, dass seine Kinder dort keine guten Schulen hätten. So schickte er sein liebes Mückchen auf ein Internat in Hermannswerder und hatte von da an schreckliche Sehnsucht nach dem Kind.

Gar zu gerne möchte ich einmal nur für eine Stunde ein Mäuschen sein und sehen und hören, wie Du dort lebst! Davon erzählst Du nur wenig in Deinen Briefen! Ich würde still in einer Ecke des Schulzimmers sitzen, nur so gerade aus meinem Mäuschenloch herausschauen und zuhören. Leseprobe

Das schreibt er im September 1942. Er erzählt ihr von Einquartierungen, Soldaten und den Auswirkungen des noch fernen Krieges und es gibt launige Alltagsbeschreibungen und liebevolle Neckereien. Fallada ging es gut. Aber als 1943 der Rowohlt Verlag schließen musste, sah er seine Existenzgrundlage bedroht und stürzte in eine Depression.

Die aktuellen Ereignisse stürzen Fallada in eine Depression

Er fing wieder an zu trinken und das Weihnachtsfest war von seinen alkoholisierten Wutausbrüchen überschattet, erfährt man in den Texten, die die Briefauswahl begleiten. Es muss ein schreckliches Weihnachtsfest gewesen sein. Seine Frau Suse erfuhr zudem, dass er sie mit einer Haustochter betrog und reichte die Scheidung ein. In all der Zeit hielt Fallada den Kontakt mit seinen Kindern durch Briefe aufrecht, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden, zusammen mit den Antworten der Kinder:

Lieber Papa! Wir haben heute gebadet. Ein Zahn ist weg…. Es grüßt Euch Euer Achim Leseprobe

Heißt es in einer der Briefbeigaben auf einem Zettel als Nachricht vom damals sechsjährigen Achim.

Der letzte Text hat den Titel "Meine lieben junge Freunde". Hier erklärt Fallada offenbar den Kindern, warum er so leben musste, wie er es tat. Warum er Schriftsteller wurde. So ist dieser Band ein berührendes Zeitdokument, eine Familiengeschichte und eine Geschichte vom nur kurz währenden Glück, das man nicht festhalten kann.

Meine lieben jungen Freunde

von Hans Fallada
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Herausgeberin Nele Holdack, gebunden mit Schutzumschlag und Banderole
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03477-1
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.09.2020 | 12:40 Uhr

Porträt des Schriftstellers Hans Fallada © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images

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