Stand: 18.09.2019 17:51 Uhr

"Ida Bauer war eine unglaublich starke junge Frau"

Vor knapp 100 Jahren wurde Ida Bauer bekannt als "Fall Dora" in Sigmund Freuds Psychoanalyse. Freud entwickelte daraufhin einschlägige Theorien über Hysterie und Traumdeutung. Ida Bauers Urenkelin Katharina Adler hat sich umfangreich mit der Geschichte ihrer Urgroßmutter auseinandergesetzt. Im letzten Jahr erschien ihr über 500 Seiten starker Roman "Ida" - nun folgt ein Hörspiel, das auf NDR Kultur erstmals ausgestrahlt wird.

Frau Adler, woher kam der Impuls über die Urgroßmutter zu forschen, sich mit ihr zu beschäftigen? Gab es dafür eine auslösende Situation?

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Katharina Adler hat einen Roman über ihre Urgroßmutter geschrieben, aus dem nun ein Höspiel entstanden ist.

Katharina Adler: Die gab es nicht unbedingt. Das war ein Prozess über viele Jahre, der begonnen hat, als ich ungefähr 16 war und zum ersten Mal erfahren habe, dass meine Urgroßmutter eine Patientin von Sigmund Freud war. Ich habe dann die Fachliteratur zu dem Fall gelesen, und dort kam sie relativ schlecht weg: Sie wurde teilweise als schlimmste Hysterikerin, die jemals gelebt hat, beschrieben. Gleichzeitig war in unserer Familie aber relativ wenig bekannt über sie. Ihr Bruder Otto Bauer, ein berühmter Politiker, war vielmehr Thema in unserer Familie. Daraus entstand der Impuls, dass ich mich näher mit ihrem Leben beschäftigen möchte - mit dem Leben dieser Frau, das einfach nicht erzählt wurde.

Der Vater schickt das junge Mädchen Ida in die Therapie. Was erhofft er sich von dem Therapeuten Sigmund Freud?

Adler: Die Sache ist sehr kompliziert. Vordergründig geht es um das Kurieren dieses Hustens. Aber eigentlich schickt der Vater seine Tochter zu Freud, um ihre Fantasien zu kurieren, nämlich die Fantasie, dass er eine Affäre mit einer Frau hat. Doch das stimmt - Ida hat da keine Fantasien. Aber der Vater hat die Hoffnung, dass Freud ihr das ausredet.

Ida leidet nicht nur an diesem hysterischen Husten, sie wird auch bedrängt von einem Freund der Familie, dessen Ehefrau die Geliebte von Idas Vater war. Ihr Husten wird von Freud als Reaktion gedeutet - eine gesellschaftliche Doppelmoral, die vermutlich lieber unter den Teppich gekehrt werden sollte. War das auch Ihr Interesse, sollte diese Doppelmoral aufgedeckt werden?

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IDA: Hörspiel von Katharina Adler mit Illustrationen von Isabel Seliger

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Katharina Adlers Urgroßmutter Ida Bauer war eine der berühmtesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts, unter dem Namen "Dora" aus der Frühgeschichte der Psychoanalyse Sigmund Freuds bekannt. In ihrem NDR Hörspiel mit Illustrationen von Isabel Seliger erhält diese Frau eine Stimme. Es ist Idas Geschichte. mehr

Adler: Die hat Freud in seinem Text über Ida Bauer, dem "Bruchstück einer Hysterie-Analyse", bereits aufgedeckt. Das war eines seiner großen Themen, diese Doppelmoral der Wiener Gesellschaft zu thematisieren und welche psychosomatischen Folgen sie hat. Mir ging es eher darum, aus Idas Perspektive, aus der Perspektive dieses jungen Mädchens zu erzählen. Denn Freud hat zwar durchaus diese Doppelmoral aufgedeckt, hat aber sehr andere Schlüsse gezogen, die absolut verwurzelt waren in der patriarchalischen Gesellschaft. Er hat zum Beispiel gedeutet das Idas Ekel vor diesem wesentlich älteren Mann, der sie bedrängt, eigentlich ein Vorschub ist, weil sie eigentlich verliebt in ihn ist. Und da habe ich doch einen sehr deutlich anderen Standpunkt gegenüber dieser Belästigung.

Die Therapie bei Sigmund Freud hat Ida aus eigenem Entschluss und Wunsch nach drei Monaten abgebrochen. Was ist das für eine Frau? Welches Bild haben Sie von Ida?

Adler: Ida ist eine unglaublich starke junge Frau. Sie ist knapp 18, als sie selbst entscheidet, nicht mehr in diese Kur zu gehen. Sie lehnt sich gegen den Doktor auf, ohne das mit ihrem Vater, der sie dorthin gezwungen hat, abzusprechen oder in irgendeiner Form um Erlaubnis zu bitten. Der Vater will sie wieder zwingen, weiter dorthin zu gehen - aber sie bleibt stark und geht dort nicht mehr hin.

Sie war eine Frau, die gerade Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ein wenig über Frauenrechte mitbekommen hat. Sie hat aber noch sehr intuitiv gehandelt, also noch nicht so reflektiert, dass sie jetzt um ihre Rechte als Frau kämpft. Sondern sie hat einfach gespürt: Hier ist etwas nicht richtig, und dagegen muss ich mich wehren, auch um zu überleben.

Lange haben Sie sich mit Ida beschäftigt, Sie haben den Roman geschrieben, nun wird das Hörspiel ausgestrahlt. Der Text dazu ist von der Künstlerin Isabel Seliger illustriert worden. Wie haben Sie diese künstlerische Transformation - Roman, Hörspiel und jetzt eine Art Graphic Novel - erlebt?

Adler: Für mich war das ein interessantes, aber auch unglaublich bereicherndes Erlebnis. Als es darum ging, das Buch ins Hörspiel zu verwandeln, war klar, dass wir nur einen Ausschnitt aus dem 500-Seiten-Buch wählen können. Und da habe ich mich entschieden, mich auf die Zeit bei Freud zu konzentrieren, aber auch mit neuen Texten zu arbeiten. Es ist also nicht nur eine Verwandlung des Romans ins Hörspiel, sondern ich habe nochmal komplett neu angesetzt, um für dieses Medium eine neue Form zu finden. Als dann die Idee aufkam, das Ganze noch zu illustrieren, war ich erstmal offen, aber ohne große Erwartungen. Ich wollte mich einfach überraschen lassen - das war ja außerhalb meiner Kontrolle als Autorin. Als ich dann die ersten Entwürfe gesehen habe, war ich sehr begeistert und bin absolut überwältigt von dem, was daraus geworden ist. Ich will der ganzen Welt erzählen und zeigen, was für ein schöner kleiner Film dort entstanden ist.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Katharina Adler, Autorin © picture alliance/Ulrich Baumgarten Foto: Ulrich Baumgarten

"Ida Bauer war eine unglaublich starke junge Frau"

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Katharina Adler hat sich mit der Geschichte ihrer Urgroßmutter Ida Bauer auseinandergesetzt. Aus ihrem Roman "Ida" ist nun ein Höspiel entstanden. Im Interview spricht sie darüber.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.09.2019 | 19:00 Uhr

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