Der Riesengorilla King Kong über der Skyline von Manhattan auf einem Wolkenkratzer mit der Frau Ann Darrow (Naomi Watts) - Szene aus Peter Jacksons Spielfilm "King Kong" von 2005 © imago/ Mary Evans /AF Archive /Universal

Jochen Schmidt beobachtet das Absurde in Alltagssituationen

Stand: 12.04.2021 15:45 Uhr

Jochen Schmidt ist toll. Er schreibt wunderbar komisch-melancholische Romane, absurde Erzählungen, witzige Miniaturen. Nun kann man seine Erzählungen entdecken: "Ich weiß noch, wie King Kong starb".

Jochen Schmidt: "Ich weiß noch, wie King Kong starb" (Cover) © C.H. Beck Verlag
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von Katja Eßbach

Jochen Schmidt: "Ich weiß noch, wie King Kong starb" (Cover) © C.H. Beck Verlag
"Ich weiß noch, wie King Kong starb" ist Jochen Schmidts neuer Erzählband.

Der Berliner Jochen Schmidt war 1999 Mitbegründer der Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten", lange trug er dort regelmäßig seine Texte vor. Einen Namen als Schriftsteller machte er sich vor allem mit dem Roman "Schneckenmühle" und dem Buch "Drüben und Drüben", das er gemeinsam mit dem Autor David Wagner schrieb. Jetzt ist ein Band mit Erzählungen von Schmidt erschienen: "Ich weiß noch, wie King Kong starb".

Jochen Schmidt schreibt wunderbar-melancholische Romane

Dabei stellt sich die Frage: Warum ist Jochen Schmidt eigentlich nicht viel berühmter? Warum gilt er immer noch - und das seit vielen Jahren - als eine Art Geheimtipp? Unverständlich, denn Jochen Schmidt ist toll. Er schreibt wunderbar komisch-melancholische Romane, absurde Erzählungen, witzige Miniaturen. Und er hat einen Blick auf die Welt, der immer wieder verblüfft. Einen Blick für das absurde Detail und das große Ganze.

Ich freue mich immer, neue Wörter kennenzulernen, denn man kann sie einfach benutzen, ohne dafür zu bezahlen, dasselbe Wort kann sogar gleichzeitig von vielen Menschen benutzt werden, im Grunde von allen, die es gibt. Man kann das im Fußballstadion erleben, wenn alle Zuschauer im Chor "Schieber!" rufen. Das geht problemlos, anders, als wenn alle gleichzeitig dieselbe Bratwurst zu essen versuchen, das würde nicht ohne Gerangel abgehen. Es gibt aber nicht nur Wörter, die alle gleichzeitig benutzen können, sondern auch Wörter, die alle gleichzeitig nicht benutzen sollten, das sind Unwörter." Zitat aus dem Buch

Neuer Erzählband "Ich weiß noch, wie King Kong starb"

Seine neue Sammlung von Erzählungen hat wieder alles, was die Lektüre von Jochen Schmidt so besonders macht. Fein beobachtete Alltagssituationen, die sich bei ihm jedoch meist innerhalb weniger Zeilen ins Absurde steigern. Oder Alltagssituationen, die man als Kind einfach nur komplett seltsam findet:

Jochen Schmidt: "Ich weiß noch, wie King Kong starb" (Cover) © C.H. Beck Verlag
AUDIO: Buchtipp: "Ich weiß noch, wie King Kong starb" (4 Min)

Natur war immer das Gegenteil von Fernsehen, also langweilig. "Geht doch mal raus", das sagten die Eltern, wenn sie einen loswerden wollten, nur dafür war die Natur da, eine Abstellkammer für Kinder. Es half auch nichts, dass wir gerne Tierfilme guckten, immer wieder "Frei geboren" mit Elsa, der Löwin, oder in Tarzan einen unbestrittenen Naturmenschen verehrten. "Können wir nicht noch 'Löwenzahn' gucken?" -"Bei dem Wetter?" Das Wetter war also schuld. Wenn die Sonne schien, durfte man nicht drinbleiben, als würde die Wohnung dann weniger gut funktionieren. Zitat aus dem Buch

Der Allerweltsname: ein Grund für Verwechslungen

Ein gewaltiges Problem hat der Schriftsteller Jochen Schmidt allerdings: seinen Allerweltsnamen. So passiert es immer wieder, dass ihm nach Lesungen fremde Bücher von einem der zahlreichen Namensvetter vorgelegt werden: "Niemand kaufte im Anschluss ein Buch von mir, die Rentnerin reichte mir eine Monographie über Pina Bausch zum Signieren, die von einem anderen Jochen Schmidt stammte."

Schmidt hat sich längst mit der Situation abgefunden und erkennt mittlerweile sogar das Positive daran: "Es gibt eine ganze Reihe von Jochen Schmidt mit denen ich gemeinsam an unserem Werk arbeite. Das wir alleine, jeder für sich, gar nicht schaffen könnten. Ein Tanzkritiker, ich habe keine Ahnung vom Tanz, ein Germanist, der über Hölderlin schreibt oder geschrieben hat. Davon verstehe ich auch so gut wie nichts. Und es wäre sehr aufwändig, wenn ich diese Bücher selber schreiben müsste, deswegen bin ich ganz froh, dass wir uns die Arbeit teilen. Und den Ruhm."

Jochen Schmidt erzählt von seinem Leben als Autor

Jochen Schmidts Miniaturen wirken wie aus dem Ganzen geschnitzt. Da ist keine Stelle zu viel, alles ist am rechten Ort. Er erzählt vom Familienleben, Reisen, Lesungen, Kindheit, seinem Leben als Autor. Alles liest sich leicht und steuert ungebremst auf die Pointe zu. Und man merkt, dass Schmidt einer ist, der es genau nimmt mit den Sätzen. Gern feilt er ausführlich an jedem: "Das ist wie beim Schach. Da gibt es meist einen richtigen Zug, einen besonders schönen Zug und den muss man finden. Und genauso ist es mit Worten oder Sätzen. Da kann man sich nicht betrügen." Erzählungen, so Jochen Schmidt, schreibt er übrigens besonders gern. Einfach, weil man damit schneller fertig ist. Punkt.

Ich weiß noch, wie King Kong starb

von Jochen Schmidt
Seitenzahl:
239 Seiten
Genre:
Erzählungen
Zusatzinfo:
mit 70 Abbildungen
Verlag:
C.H. Beck
Veröffentlichungsdatum:
18.3.21
Bestellnummer:
ISBN 978-3-406-76637-4
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

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