Stand: 14.07.2020 11:50 Uhr  - NDR 90,3

Sammelband will Künstlerinnen sichtbar machen

I Love Women In Art. 100 Künstlerinnen vorgestellt von Frauen aus Kunst und Kultur
von Janine Mackenroth und Bianca Kennedy (Hrsg.)
Vorgestellt von Franziska Storch

Seit 100 Jahren dürfen Frauen auch an deutschen Kunsthochschulen studieren. Aus diesem Anlass haben zwei Künstlerinnen 100 Autorinnen in ganz Deutschland gesucht, die einen kurzen Text über jeweils eine Arbeit einer deutschen Künstlerin schreiben. Herausgekommen ist der Sammelband "I Love Women In Art". Zwei Hamburger Autorinnen, die an dem Buch mitgewirkt haben, berichten.

"Dieses Projekt ist so wichtig, weil es auch heute noch - 100 Jahre nach der Zulassung von Kunststudentinnen an Kunsthochschulen - immer noch zu wenig Sichtbarkeit für Künstlerinnen an deutschen Akademien gibt", findet Brigitte Kölle, Leiterin der zeitgenössischen Kunst an der Hamburger Kunsthalle. Sie hat für den Sammelband "I Love Women In Art" über ein spezielles Musikvideo der Hamburger Künstlerin Annika Kahrs geschrieben.

Musikvideo von Annika Kahrs zeigt Bedeutung von Zusammenhängen

In dem Video ist ein Stück Ludwig van Beethovens zu hören: "Eine erste Geige, eine zweite Geige, Bratsche und Cello - und die vier spielen ein Stück von Beethoven. Nach dem ersten Satz wechseln sie ihre Plätze und sie tauschen auch ihre Instrumente", erklärt Kölle. Der Wechsel im Kreis passiert vier Mal und die klassische Musik wird zu nervtötendem Lärm. Das Experiment bewirkt, dass die Musikerinnen und Musiker scheitern. Im Video lächeln sie hilflos.

"Das kennen wir alle. Wir müssen in bestimmten Zusammenhängen funktionieren. Und wir versuchen das, so gut wie wir können, zu erfüllen. Aber das geht nicht immer. Manchmal ist es vielleicht gut, wenn wir das nicht erfüllen", interpretiert Kölle das Video von Kahrs.

Annika Kahrs und Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Wenn Sie Lust bekommen haben, die Arbeiten von Annika Kahrs und Anita Rée selbst zu sehen, können sie auf der Internetseite der Hamburger Kunsthalle stöbern.

Texte über Paula Modersohn-Becker und Katharina Sieverding

Das Mammutprojekt, 100 Autorinnen über je ein Kunstwerk einer deutschen Künstlerin schreiben zu lassen, übertrifft die Erwartungen. Alle Größen sind dabei, die Malerin Paula Modersohn-Becker, die Fotografin Katharina Sieverding und Anita Rée, die vor zwei Jahren eine Einzelausstellung in der Hamburger Kunsthalle hatte.

Anita Rée: Etablierte Malerin in Hamburg und Paris

"Anita Rée ist eine wunderbare Malerin", schwärmt Sabine Reinhold, die Vorsitzende der GEDOK Hamburg, einer Vereinigung von Frauen aller Kunstgattungen. Bei der Gründung 1926 war auch die Hamburger Malerin Anita Rée dabei. "Max Liebermann fand sie talentiert, hat zu einer Ausbildung geraten. Sie hat bei Arthur Siebelist studiert, ist nach Paris gegangen. Später ist sie nach Hamburg zurückgekommen und hat sich als Künstlerin etabliert."

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Max Liebermann erkannte das Talent von Anita Rée - eine formelle Ausbildung war für sie als Frau um 1900 nicht möglich.

In dem Sammelband ist Rées Selbstporträt von 1930 zu sehen: Sie hat ihre rechte Hand ans Kinn gestützt, der gelbgrüne Hintergrund umstrahlt ihren nackten Oberkörper. Sie schaut uns entschlossen und gleichzeitig traurig an. "Da sie Jüdin war, waren ihre Arbeit, ihr Leben, ihre Perspektiven bedroht. Sie hat sich nach Sylt zurückgezogen und hat sich später das Leben genommen, wie viele der Malerinnen unter dem Druck der Nazis", so Reinhold.

Hausmeister versteckt Rée-Porträt vor Nazis

Das Bild hätten die Nationalsozialisten fast beschlagnahmt und vernichtet. Wenn nicht der damalige Hausmeister der Hamburger Kunsthalle, Wilhelm Werner, es heimlich in seiner Dienstwohnung versteckt hätte. "Dieses Frauenbild, das Anita Rée von sich transportiert, zeigt Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit, in die Selbstverwirklichung", erklärt Sabine Reinhold, die im Sammelband den Text über Rées Selbstporträt geschrieben hat.

"I Love Women In Art": Standardwerk der weiblichen Kunstgeschichte?

So viele starke Frauen, tolle Kunst und interessante Geschichten gibt es selten zwischen zwei Buchdeckeln. In der Kürze liegt die Würze: pro Künstlerin eine große Abbildung und eine Seite Text. Dieses Buch könnte ein Standardwerk zur weiblichen Kunstgeschichte werden.

I Love Women In Art. 100 Künstlerinnen vorgestellt von Frauen aus Kunst und Kultur

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Self-publishing
Bestellnummer:
978-3-9821741-1-2
Preis:
30,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 08.07.2020 | 19:00 Uhr

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