Brandon Stanton: "Humans" © riva bei Münchner Verlagsgruppe GmbH

"Humans": Brandon Stanton erzählt bewegend von Menschen

Stand: 07.12.2020 08:52 Uhr

Vor einigen Jahren hat der amerikanische Fotograf Brandon Stanton auf den Straßen New Yorks viele Menschen fotografiert und sie nach ihren Geschichten gefragt.

von Annemarie Stoltenberg

Die Antworten waren witzig, tiefsinnig, andere brachen einem schlicht das Herz. Zu sehen ist in dem Buch "Humans of New York" immer das Porträtfoto eines Menschen und eine kleine Geschichte. Weil seine Arbeit eine so enorme Wirkung hatte, hat Brandon Stanton sie nun auf die ganze Welt ausgedehnt. "Humans" heißt sein neues, daraus entstandenes Werk.

Berührende Bilder und Texte

Jeder von uns hat es schon einmal erlebt: Man sitzt in der Bahn oder an einer Bushaltestelle oder auf einer Parkbank und kommt mit dem Nachbarn oder Gegenüber ins Gespräch. Manchmal, in seltenen, kostbaren Momenten des Lebens, erfährt man dabei mehr über einen Menschen, als derjenige vielleicht bisher Partnern oder Freunden enthüllt hat. Oder einfach eine eindrucksvolle Geschichte oder etwas tief Berührendes. Brandon Stanton hat die Fähigkeit, in Sekunden eine Pipeline in das Herz von Menschen zu legen.

Da ist ein innig lächelnder Mann in einem Park in Santiago, Chile zu sehen. Er sagt: "Ich durfte mir diesen Morgen meine Enkelin ausleihen, um mit ihr im Park spazieren zu gehen. Das ist unsere ganz persönliche Zeit zu zweit. Sie schaut so gerne den Hunden und Vögeln zu. Heute haben wir ein paar Amseln gesehen. Das war echt aufregend."

Dieser Mann weiß etwas über das Glück und seine fragile Vergänglichkeit. Was für eine wundervolle Zeit der Kindheit, wenn das Wort Amsel in all seiner Würde und Schönheit mit Andacht von einem Kind gesagt wird. Geh nicht achtlos daran vorbei, Mensch!

Vielfalt der Menschen und ihrer Gefühle

Eine junge Mutter in einem Flüchtlingslager im Südsudan ist auf einem anderen Bild zu sehen und darunter steht: "Ich habe viel Tod gesehen." Eine Frau in Lima, Peru ist zu sehen, Sie erinnert sich an ihre Mutter, die ihr durch Putzen eine Schulbildung möglich gemacht hat: "Wir hatten immer zu kämpfen. Als ich noch kleiner war, hatten wir manchmal nur Geld für eine Mahlzeit. Und meine Mutter sagte immer, sie sei nicht hungrig. Erst als ich älter war, merkte ich, dass sie nur so tat."

Auf einem anderen Bild sieht man einen grüblerischen jungen Mann, der gesteht, dass er drogenabhängig ist und gerade rückfällig geworden. Ein älteres Ehepaar im Freizeitdress ist auf einem anderen Bild zu sehen: "Wir haben keine Hobbys. Aber wir versuchen, uns mehrmals im Monat zu treffen, und dann beklagen wir uns über alles Mögliche und ziehen über die Leute her."

Ein menschenscheuer Fotograf

Es verwundert übrigens nicht, wenn Brandon Stanton im Vorwort zu seinem Buch bekennt, dass er eigentlich menschenscheu ist. Er wusste nie genau, wie weit er gehen könnte mit seinen Fragen. Ich denke, das Geheimnis seines Erfolgs ist, dass er mit Menschen spricht und ihnen das Gefühl verleiht, das sie niemals verspottet, verurteilt oder schikaniert werden, sondern auf echtes, warmes Interesse stoßen.

Das Schmuckstück seiner Sammlung kommt zum Schluss: Ein Gesprächspartner in Pakistan. Er sitzt gelassen, wie meditierend mit dem Blick auf einen Punkt sehr weit in der Ferne fixiert auf Steinen, daneben seine Ziege. Der Text dazu lautet: Wie ist der Name deiner Ziege? "Ziege."

Dies ist ein großartiges Buch, um es in der Familie zu Weihnachten mitten auf den Tisch zu legen und gemeinsam darin zu blättern, zu staunen, zu bewundern oder mit vom Schicksal gebeutelten Menschen mitzufühlen.

Humans

von Brandon Stanton, aus dem Englischen von Britta Mümmler
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
riva
Bestellnummer:
978-3-7423-1633-2
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

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