Stand: 06.12.2019 15:14 Uhr  - NDR Kultur

Hongkongs bedrohter Buchmarkt

von Sven Weniger und Michael Marek

Daniel Lee, einer der letzten unabhängigen Buchhändler Hongkongs, über die Bedrohung der Freiheit des Wortes und wie sich die Kulturszene dagegen wehrt.

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Daniel Lee in seinem Buchladen.

Daniel Lee ist 38, ein schmaler Mann mit Kinnbart, Brille und ernsten Gesichtszügen. Er hat einen Abschluss in Philosophie und betreibt seit 12 Jahren den unabhängigen Buchladen "Hong Kong Reader" in Kowloon. 80 Quadratmeter "Freiheit des Wortes", sagt Lee. Die liegen im siebten Stock eines heruntergekommenen Mietshauses im Stadtviertel Mong Kok.

Bei "Hong Kong Reader" sieht es aus wie in einem alternativen Buchladen im Westeuropa der 1970er-Jahre. Dicht an dicht stehen die Regale mit Werken von Camus bis Nietzsche, Belletristik, Geographie und Geschichte. Gegenüber lange Reihen chinesischer Titel. Dazwischen Secondhand-Bücher. Viele Kunden suchen nach Büchern, die sich mit Gewalt, Autoritarismus und Totalitarismus befassen, erzählt Lee. Kater Weiwei schaut aus dem Fenster.

Ein Buchhändler wehrt sich

Sendung
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Die letzte BücherLeben-Ausgabe dieses Jahres versucht sich noch einmal an großen Fragen: Was bewirken Buchläden im Freiheitskampf? Und wie liebenswert sind unsere Nachbarn? mehr

"Hong Kong Reader" ist in der Szene als Buchladen für "gesellschaftlichen Aktivismus" bekannt. Er hat etwa 10.000 Kunden. Politische Lektüre ist Lees Spezialgebiet. Es gibt Lesungen, Diskussionen, Buchvorstellungen. Die meisten Schriften behandelten die politische Situation in Festlandchina, sagt Lee, einige auch die Hongkongs.

Noch bekomme er alle Bücher, die er vertreiben wolle. Aber es werde immer schwieriger. Autoren berichten, dass ihre Werke, wenn sie politische Themen behandelten, von den großen, von China kontrollierten Buchhandelsketten abgelehnt würden. Aus kommerziellen Gründen, wie es heißt. Lee hingegen sieht dagegen allein ideologische.

Die Freiheit des Wortes verteidigen

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Der unabhängige Buchladen "Hong Kong Reader" in Kowloon liegt in der siebten Etage dieses Mietshauses.

Es braucht Kreativität, um in Zeiten der Repression die Redefreiheit zu verteidigen. Überall dort, wo viele Menschen vorbeikommen, zum Beispiel in U-Bahn-Stationen und auf Fußgängerbrücken, sind die sogenannten "Lennon Walls" aufgetaucht. Das sind Plakat- und Pinnwände, meist mit mehreren Metern breiten Flächen. Auf ihnen können sich Künstler, Aktivisten und besorgte Bürger ausdrücken. Sie befestigen Nachrichten über die aktuelle Situation der Proteste; Aufrufe zu Kundgebungen.

Auf den Wänden finden sich Gedichte und Comics, in denen sich selbst die Polizeihunde vor ihren martialisch hochgerüsteten Hundeführern fürchten. Verfremdete Handyfotos setzen sich künstlerisch mit der allgegenwärtigen Polizeigewalt auseinander. Die "Lennon Walls" werden immer wieder von Hooligans und Pro-Peking-Bewohnern zerstört.

Ein aussichtsloser Kampf?

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An Orten, an denen viele Menschen vorbeikommen, können sich Künstler und Aktivisten über die "Lennon Walls" austauschen.

Um Demonstranten zu unterstützen und zu schützen, haben sich außerdem viele Geschäfte - von Restaurants über Cafés bis zu Buchläden - zu den "Yellow Shops" zusammengeschlossen. Gelb ist die Farbe der Regenschirmbewegung, mit der alles begann. Unter den Demonstranten kursieren Listen der "Gelben Läden". Die Shops haben während der Proteste geöffnet und bieten Demonstranten, die verprügelt werden und vor der Polizei flüchten, einen geschützten Raum vor Verfolgung. "Hong Kong Reader" gehört zu ihnen.

Trotz allen Widerstands durch Demonstranten und Kulturszene ist Buchhändler Daniel Lee pessimistisch. Er glaubt nicht, dass sich die Bewegung für Freiheit und Autonomie gegen den Machtapparat der kommunistischen Partei Festlandchinas durchsetzen wird. Zu kompromisslos und brutal reagiert die von Peking kontrollierte Regierung Hongkongs. Dennoch, sagt Lee, werde man weiterkämpfen. Bis zum Ende, wenn es sein müsse "auch bis zum Tod".

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | BücherLeben | 07.12.2019 | 18:00 Uhr

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