Sendedatum: 20.12.2012 10:56 Uhr

Grimms Märchen: Hexen, Wölfe, Königstöchter

von Patric Seibel

Beim Thema Märchen denken viele zuerst an die Brüder Grimm. Jacob Ludwig Karl und Wilhelm Karl sammelten mehr als 240 Erzählungen und veröffentlichten ab 1812 die berühmten "Kinder- und Hausmärchen". Geschichten, die bis dahin meist nur mündlich weitergegeben und erzählt wurden, gab es von diesem Zeitpunkt an in gedruckter Fassung. Die Sammlung entwickelte sich zu einem absoluten Bestseller für Kinder und wurde in mehr als 160 Sprachen übersetzt. Was sind die Ursprünge der Figuren in "Grimms Märchen"?

Die Alte war aber eine böse Hexe, die lauerte den Kindern auf, und hatte, bloß um sie zu locken, ihr Brothäuslein gebaut. Aus "Händel uns Gretel"

Eine Hexe mit einer schwarzen Katze auf der Schulter fliegt auf einem Besen. © picture-alliance / Mary Evans Picture Library
Hexen und Stiefmütter: Das Böse ist in Grimms Märchen oft weiblich.

In Grimms Märchen ist das Böse oft weiblich: Vor allem Hexen und Stiefmütter agieren als Gegenspieler der Märchenhelden. Das Märchenmotiv der bösen Frau erzählt von der tiefen menschlichen Angst, von der eigenen Mutter nicht geliebt zu werden.

Im Märchen "Schneewittchen" geht es um die Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter. Der Zauberspiegel fällt sein Urteil:

"Frau Königin, ihr seid die Schönste hier. Aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als ihr." - Da erschrak die Königin, ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so hasste sie das Mädchen. Aus "Sneewittchen"

Initiationsriten als Märchenvorlage

Die Märchen stammen aus verschiedenen Zeit-Epochen, manche gehen auf uralte Mythen zurück. Etliche Forscher halten es für wahrscheinlich, dass sie von frühen Initiationsriten erzählen, die junge Frauen und Männer bestehen mussten. Und tatsächlich: Die Märchenhelden der Grimms sind jung.

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne. Der Jüngste wurden von allen nur 'Der Dummling' genannt … Aus "Die goldene Gans"

Die Handlung folgt meist diesem Schema: Die jungen Helden verlassen ihre gewohnte Umgebung und müssen eine Begegnung mit einem Zauberwesen bestehen. Dabei helfen ihnen ein gutes Herz oder auch List. Und sehr häufig beweisen die Märchenhelden große Treue, wie Brüderchen und Schwesterchen, Hänsel und Gretel und viele andere. Am Ende wartet das Glück: Der Arme gewinnt die Hand der Königstochter.

Da war die Hochzeit gefeiert und der Dummling erbte das Reich, und lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Gemahlin. Aus "Die goldene Gans"

Helden brauchen keine Strategien oder Pläne

Im Märchen werden die Kleinen und Schwachen erhöht, die Klugen und Stolzen scheitern. Standesschranken werden auf wunderbare Weise ignoriert. Und noch etwas ist interessant: Der Held selbst hat keine Ziele, er handelt völlig spontan. Wenn das Rettende kommt, greift er zu. Die moderne Mentalität von Strategie und Planung ist den Märchen völlig fremd.

Märchen machen Unmögliches möglich

Der Wolf und die sieben Geißlein © picture-alliance / AKG
Auch bei "Der Wolf und die sieben Geißlein" können Tiere sprechen.

Im Märchen existieren Menschliches und Übernatürliches ungetrennt nebeneinander. Tiere können sprechen, wie der Wolf in "Rotkäppchen"; und auch Pflanzen wirken in die menschliche Welt hinein, wie im Märchen "Die 12 Brüder". Deren Schwester pflückt ahnungslos im Wald zwölf Blumen:

Kaum aber war das geschehen, so stand eine alte Frau vor ihr. Ach meine Tochter, sagte sie, warum hast Du die zwölf Studentenblumen nicht stehen lassen! Das sind deine zwölf Brüder, die sind nun alle in Raben verwandelt worden und sind verloren auf ewig. Aus "Die 12 Brüder"

Grimms Märchen bieten Platz für Zaubereien oder Verwünschungen

Dass solche Handlungen tatsächlich magische Wirkung haben können, glaubten die Menschen in der Zeit vor der wissenschaftlichen Aufklärung wirklich. Zur Zeit der Grimms herrschte schon die moderne Weltsicht. Zauberei, Verwünschung und Erlösung fanden nur noch Platz in Büchern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 20.12.2012 | 10:56 Uhr

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