Stand: 30.01.2017 12:00 Uhr

Männer-WG voller Abgründe und Geheimnisse

von Annemarie Stoltenberg
Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben" © Hanser
Das Buch gehört in den USA zu den meistdiskutierten Werken der vergangenen Jahre und eine TV-Serie dazu ist in Vorbereitung.

Amerikanische Verlagsleute, Lektoren und Rezensenten waren in ungewöhnlicher Weise hingerissen von diesem Buch: "Ein wenig Leben". Hanya Yanagihara heißt die amerikanische Autorin hawaiianischer Herkunft. Sie ist 1975 geboren und arbeitet als Redakteurin beim Stilmagazin "T" der "New York Times". Bereits ihr erster Roman wurde bejubelt und gefeiert. Bei diesem zweiten Roman sprechen die Kritiker davon, dass er einen bis ins Mark treffe, einen verrückt machen oder verschlingen könne. Es sei ein Roman, bei dem man vergesse, dass es nur ein Buch sei, so sehr wirke er wie echtes Leben. Ein Text, der mit der Kraft seiner literarischen Ausstrahlung vom Leben des Lesers Besitz ergreife.

Eine Jahrzehnte währende Männerfreundschaft

Der Mensch kann ja auch bockig und abwehrend misstrauisch reagieren auf allzu großartige Lobpreisungen. So ging es mir beim Lesen dieses Romans, der mit 960 Seiten einfach viel zu dick wirkt. Die Geschichte, die erzählt wird, ist außerdem nicht wirklich attraktiv. "Ein wenig Leben" handelt von einer Jahrzehnte währenden Freundschaft zwischen vier Männern, die Zimmerkameraden am College waren und dann nach New York gezogen sind.

Wir begleiten sie bei ihrem späten Erwachsenwerden. Was gehen mich denn diese vier Männer an, fragt man sich also während der ersten 40 Seiten. Ab dann kann man sich als Gefangene dieses Buches betrachten. Es spiegelt sich das ganze Leben darin, in jedem einzelnen Satz, so wie eben nur in der ganz großen Literatur.

Vier Männer also. Da ist der Künstler JB, der zwar ohne Vater aufwuchs, aber sich als geliebtes Kind in einer behütenden Familie sieht. JBs Mutter, seine Tanten und allen voran seine Großmutter sind überzeugt davon, dass er ein Wunderkind war und zu einem Genie herangewachsen ist:

"Der Glaube, den sie in ihn und seinen zu erwartenden Triumph gesetzt hatten, war auf geradezu beunruhigende Weise unerschütterlich." Leseprobe

Eine schwierige Kindheit hatten sie alle

Der zweite aus dem Freundschaftskleeblatt ist Malcolm, aus einer wohlhabenden, aber kühl intellektuellen Professorenfamilie stammend. Er ist Architekt und ringt sein Leben lang um die Liebe seines Vaters, der seine Tochter vergöttert.

"Als Kind war Malcolm verletzt und gekränkt gewesen, weil sein Vater Flora so offensichtlich bevorzugte, dass es selbst Freunden der Familie aufgefallen war." Leseprobe

Der Dritte ist der gut aussehende, sanfte Willem, der in eher kargen Bedingungen auf einer Farm in Wyoming aufwuchs. Seine Eltern haben Kinder verloren, bevor er kam, und kümmern sich um ein behindertes Kind, sie können sich emotional kaum noch an ihren jüngsten Sohn binden. Willem ist Schauspieler ohne Engagements, der sich mit Jobs über Wasser hält. Er ist derjenige, der sich am intensivsten um Jude kümmert und mit ihm in eine Wohnung zieht:

"Sie unterhielten sich, aber Judes Augen waren geschlossen, und Willem wusste - er erkannte es an dem konstanten, kolibrihaften Flattern von Judes Lidern und der Art, wie er die Hand so fest zur Faust ballte, dass Willem das meergrüne Garn seiner Adern auf dem Handrücken hervortreten sah, dass Jude Schmerzen hatte. Seine Gefühle für Jude waren komplizierter Natur." Leseprobe

Der Leser fühlt mit den Protagonisten

Judes Leben wird von immer wiederkehrenden sehr starken Schmerzen dominiert, er ist Jurist und der intelligenteste und seelisch am meisten zerrissene der Freunde. Alle wissen schon lange von seinen rätselhaften Schmerzen. Über Judes Familie und Herkunft wissen sie fast nichts. Vermutlich war er ein Findelkind. Willem ist derjenige, der am engsten mit ihm verbunden ist:

"Er klopfte an die Toilettentür und flüsterte "Jude?", und als er nichts hörte: "Ich komme rein". Er zog die Tür auf. Jude lag bäuchlings auf dem Boden, ein Bein unter die Brust gezogen. Er hatte sich übergeben." Leseprobe

Hanya Yanagihara schreibt ohne Schnörkel. Mitgefühl zerreißt einem beim Lesen das Herz, und das Glück der Nähe beruhigt es wieder. Stück für Stück breitet Hanya Yanagihara in Rückblenden die Vergangenheit des hochintelligenten und als New Yorker Anwalt erfolgreichen Jude St. Francis in aller Düsterkeit und allem Elend vor unseren Augen aus. Sie erzeugt emotionale Wechselbäder, und ihre Leser dürfen sich gewiss sein, während sie diesen Roman lesen, sind sie nicht allein, all ihr Kummer und ihre Sorgen werden besprochen. Wie in glasklaren Stunden in einer Küche morgens zwischen vier und fünf im Gespräch über die Frage: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Was bedeutet in Wirklichkeit Leben?

Ein wenig Leben

von Hanya Yanagihara, aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Seitenzahl:
960 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-25471-8
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.01.2017 | 12:40 Uhr

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